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Ankunft Tausender Flüchtlinge : München muss weiter improvisieren

  • -Aktualisiert am

Massenandrang: Anfang September kamen innerhalb von zwei Wochen zehntausende Flüchtlinge in München an. Bild: dpa

Als die Flüchtlinge zu Zehntausenden kamen, lagen in München die Nerven blank. Im Moment herrscht Atempause. Was aber passiert, wenn die Wiesn vorbei ist ? Die Stadt stellt sich darauf ein, nach Ende des Oktoberfest Drehkreuz für den Treck der Asylbewerber zu bleiben.

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          Anfang September kamen in der bayerischen Landeshauptstadt binnen zwei Wochen 55.000 Flüchtlinge an. Im Auge des Sturms gab sich Sozialdezernentin Brigitte Meier zupackend und zuversichtlich. „Wir haben die Situation unter Kontrolle“, sagte sie, während Zehntausende auf dem Münchener Hauptbahnhof strandeten.

          Wie ernst die Lage in München allerdings wirklich war, zeigt ein Video mit ihr, das in dieser Woche im Internet auftauchte. Zu sehen ist Meier, wie sie auf einem Treffen von SPD-Kommunalpolitikern zur Flüchtlingskrise beschreibt, dass sie im Münchner Krisenstab darüber diskutiert hatten, den Katastrophenfall auszurufen. Dann bekäme die Politik größere Befugnisse und könnte auf freiwillige Helfer zurückgreifen. „Doch das hätte uns nichts genutzt. Weil nämlich schon alle Hilfsdienste bayernweit mobilisiert waren.“ Meiers Stimme zitterte, während sie das sagte. Sie rang mit den Tränen. Sie war erschöpft, die Katastrophe noch in vollem Gange: Immer mehr Menschen strömten in die Stadt, kein Ende absehbar.

          Verteilstation München

          Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. In Berlin wurden Kontrollen an den Grenzen zu Österreich beschlossen, Züge werden seitdem um München herumgeleitet. Der Flüchtlingsstrom nahm ab. Zumindest bis zum Ende des Oktoberfestes soll das so bleiben. Das ist Ende der Woche, am 4. Oktober.

          So lange dauert die Atempause noch für München. Doch die Stadt ist nur im Stand-by-Modus. Sie bereitet sich auf neue Flüchtlingsströme vor. Im Wochentakt bewilligt der Stadtrat weitere Standorte für Unterkünfte. Schon heute gibt es 47 davon im Stadtgebiet. Eine davon ist zehn Minuten Fußmarsch vom Bahnhof entfernt. In den Hallen eines ehemaligen Autohauses stehen 800 leere Doppelstockbetten. Weitere Stockwerke werden gerade ausgebaut. Die Flüchtlinge bleiben nur ein paar Nächte. Die Betten sind mit Einwegbezügen bespannt. Möglichst schnell sollen sie für neue Ankommende vorbereitet werden. Die Menschen werden hier nicht registriert, sie unterziehen sich einem Gesundheitscheck und werden versorgt. Anschließend geht es weiter in andere Bundesländer. München ist ein Drehkreuz für den Flüchtlingsstrom, eine Durchgangsstation.

          Kampf an zwei Fronten

          Anders ist es mit Kindern und Jugendlichen, die ohne Eltern ins Land kommen. Sie haben ihre Angehörigen auf dem Weg verloren oder sind allein losgeschickt worden. Wo sie aufgegriffen werden, bleiben sie auch. So sieht es das Jugendhilfe-Gesetz vor. Nur innerhalb Bayerns können andere Jugendämter Kinder und Jugendliche übernehmen. Heute betreut das Jugendamt München rund 4000 unbegleitete Minderjährige. Ende des Jahres werden es wohl knapp 7000 sein. Vom ersten Tag an sollen sie Sprachunterricht bekommen, das ist eine Vorgabe der Stadtverwaltung. 100 Flüchtlingsklassen entstehen gerade in der bayerischen Landeshauptstadt. Man stellt sich darauf ein, dass die Kinder und Jugendlichen bleiben.

          München kämpft an zwei Fronten. Einerseits muss die Stadt wie alle anderen Kommunen in Deutschland Flüchtlinge langfristig aufnehmen. Anderseits bewältigt sie die Weiterleitung Tausender, die am Bahnhof ankommen.

          Seit Monaten arbeitet die Stadtverwaltung am Anschlag. Ein Beispiel ist das Jugendamt, das sich um die Minderjährigen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea kümmert. Noch vor einem Jahr hatte das Team 30 Mitarbeiter. Heute sind es 170, bald sollen es 200 Pädagogen und Sozialarbeiter sein. Schon jetzt teilen sich fünf Sachbearbeiter ein Zimmer, Sachgebietsleiterin und Amtsleiterin sind zusammengerückt in ein Büro. Die Zahl der unbegleiteten Kinder und Jugendlichen steigt trotzdem schneller als die der Mitarbeiter. In der Abrechnungsstelle der Jugendhilfe kümmert sich ein Beamter normalerweise um 100 Fälle, derzeit sind es 650.

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