https://www.faz.net/-gpf-89ca0

Flüchtlingsroute : Frieren vor dem balkanischen Nadelöhr

  • -Aktualisiert am

Beschwerliche Reise: Ein Flüchtlingstreck am Freitag nahe Brežicean der slowenisch-kroatischen Grenze Bild: AFP

Seit Ungarn seine Grenzen geschlossen hat, staut sich der Flüchtlingsstrom zwischen Slowenien und Kroatien. In den überfüllten Lagern wächst die Verzweiflung.

          5 Min.

          Es sind fünf Jungen und vier Mädchen, halbe Kinder noch, begleitet von einer jungen Frau. Sie sitzen neben ihren Rucksäcken auf der steinernen Stiege der Georgskirche oberhalb von Brežice und blicken auf das breite Tal der Save. Etwa zehn Kilometer weiter östlich liegt die kroatische Grenze. Vor ein paar Tagen noch, und wenn es nicht erst sechs Uhr morgens wäre, hätte man vermutet, dass hier ein Klassenausflug zu den Schlössern in der südslowenische Thermenregion Rast macht. Aber die in ihre Jacken gehüllten Schüler, von denen der Älteste 17 Jahre alt ist, kommen nicht aus Laibach (Ljubljana), sondern aus Damaskus.

          Sie frieren und haben dunkle Ringe unter den Augen. Seit Tagen hätten sie und ihre Geschwister nicht mehr geschlafen, sagt die junge Frau. Sie haben eine lange Reise hinter sich, von Griechenland über Mazedonien, Serbien und Kroatien in überfüllten Zügen, immer wieder unterbrochen von langen Wartezeiten, schlecht verpflegt, völlig erschöpft und ständig von der Furcht getrieben, den Anschluss an den Treck nach Norden zu verpassen.

          Seit die jungen Leute in dieser Nacht querfeldein die Grenze zu Slowenien überschritten, irrten sie über die Felder. Sie wissen nicht mehr, wo sie sind, nur noch, wohin sie wollen: „Zuerst Wien, dann Nemtsa – Deutschland“, sagt die junge Frau, die sich Asra nennt und als einzige der Gruppe ein bisschen Englisch spricht. Sie hat sich mit ihren Geschwistern auf die Reise gemacht. Als Flüchtlinge registriert wurden sie bisher nicht.

          Ob man ihnen wohl zwei Taxis rufen könnte? Irgendwo in der Nähe müsse es einen Bahnhof geben, von dem Züge nach Wien fahren. Dort möchten sie hin. Die Taxifahrer sind enttäuscht, denn bis zum nächsten Bahnhof sind es nur wenige Kilometer. Andere Kunden wollen gleich direkt nach Šentilj/Spielfeld, zur slowenisch-österreichischen Grenze. Bis dorthin sind es immerhin fast 150 Kilometer.

          Grenzen dicht : Zehntausende Flüchtlinge stranden in Slowenien

          Umweg über Slowenien

          Slowenien ist ein kleines Land mit zwei Millionen Einwohnern, der Fläche nach nicht größer als Sachsen-Anhalt, fast ein Drittel davon ist Gebirge. Im Nordosten des Landes flachen die Berge zur ungarischen Tiefebene ab. Am raschesten und bequemsten kommt man von Serbien über Ungarn nach Norden. Doch Mitte September verriegelte die ungarische Regierung zuerst die Grenze zu Serbien, schließlich – am Freitag voriger Woche – auch die Grenze zu Kroatien. Seither müssen die Trecks der Flüchtlinge und der Migranten den Umweg über Slowenien in Kauf nehmen.

          Die Dörfer Brežice, Dobova und Rigonce bilden eine Engstelle auf der neuen Balkanroute. In Brežice und Dobova wurden Aufnahmezentren für Flüchtlinge eingerichtet. Bilderstrecke
          Die Dörfer Brežice, Dobova und Rigonce bilden eine Engstelle auf der neuen Balkanroute. In Brežice und Dobova wurden Aufnahmezentren für Flüchtlinge eingerichtet. :

          Das von der Kleinstadt Brežice und den Dörfer Dobova und Rigonce gebildete Dreieck ist die Engstelle der neuen Balkanroute. Durch das Save-Tal führen die zwei wichtigsten Verkehrsverbindungen zwischen Kroatien und Slowenien, die Autobahn und die Eisenbahnverbindung zwischen Zagreb und Laibach. Auf halbem Weg, etwa 50 Kilometer nach der Grenze, zweigt eine Bahntrasse nach Marburg (Maribor) im Norden Sloweniens ab. Von Marburg aus geht es über Graz weiter nach Wien, von Laibach aus fahren Züge zum österreichischen Verkehrsknotenpunkt Villach.

          Slowenien ist nicht in der Lage, mehr als 2500 Flüchtlinge und Migranten pro Tag aufzunehmen und adäquat zu versorgen. Am Mittwoch kamen 12.600, das war der bisher größte Ansturm. Am Donnerstag waren es 9300, in der Nacht auf Freitag haben weitere 5000 bei Rigonce die Grenze nach Slowenien überschritten, 2000 um Mitternacht, die anderen um vier Uhr früh.

          Nicht an Flussdurchquerung gehindert

          Insgesamt strömten im Verlauf von nur einer Woche 50.000 ins Land. An der slowenisch-österreichischen Grenze bei Šentilj /Spielfeld und Bad Radkersburg staut es sich zum zweiten Mal. Ein Bus nach dem anderen bringt die Migranten ins Sammellager von Šentilj, wo sie den Österreichern übergeben werden. Da deren Kapazitäten ebenfalls überfüllt sind, verzögert sich die Übergabe. Auf beiden Seiten der Grenze herrschen chaotische Zustände.

          Slowenien wirft der kroatischen Regierung vor, die Flüchtlinge und Migranten zu Tausenden ohne Vorankündigung und meist in der Nacht an verschiedenen Stellen der Grenze einfach abzuladen. Die Infrarotaufnahme eines slowenischen Polizeihubschraubers zeigt, wie Flüchtlinge an den Grenzfluss Sutla geführt wurden. Sie seien nicht daran gehindert worden, ihn schwimmend zu durchqueren, obwohl es ein paar hundert Meter weiter eine Brücke gibt. Boštjan Šefic, der Flüchtlingskoordinator des slowenischen Innenministeriums, beschuldigt die kroatische Regierung, auf „sehr organisierte, bewusste und durchdachte Weise“ die Verantwortung für die humanitäre Katastrophe auf Slowenien lenken zu wollen.

          Weitere Themen

          Islamistisches Motiv vermutet Video-Seite öffnen

          Angriff auf Tory-Politiker : Islamistisches Motiv vermutet

          Nach dem tödlichen Messerangriff auf den britischen Abgeordneten David Amess geht die Polizei von einem islamistischen Hintergrund aus. Bei dem festgenommenen Verdächtigen soll es sich um einen britischen Staatsbürger mit somalischen Wurzeln handeln.

          Topmeldungen

          Ende einer Amtszeit: Sebastian Kurz gibt am 9. Oktober 2021 seinen Rücktritt bekannt

          Frankenberger fragt : Ist das „System Kurz“ am Ende, Ursula Plassnik?

          Sebastian Kurz galt als politisches Wunderkind - jetzt ist er bereits zum zweiten Mal als Bundeskanzler Österreichs zurückgetreten. Wie geht es nun weiter? Wir fragen Ursula Plassnik, frühere Außenministerin des Landes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.