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Vermisste Flüchtlinge : Wo sind all die Kinder hin?

Laut Europol sind 27 Prozent der Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr nach Europa kamen, minderjährig. Bild: AP

Mehr als 10.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden in Europa vermisst. Viele Kommunen sind mit der Betreuung überfordert.

          Mehr als 10.000 minderjährige Flüchtlinge, die alleine nach Europa einreisten, seien nach ihrer Ankunft in Europa verschwunden, hieß es kürzlich von Europol. 5000 Personen in Italien, rund 1000 in Schweden. Auch in Deutschland wurden Anfang Januar 4749 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, so der Fachbegriff, nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) als vermisst gemeldet, davon 431 Kinder im Alter von bis zu zwölf Jahren. Im Oktober betrug die Zahl in Deutschland insgesamt knapp 3200. Europol warnte, dass viele der Flüchtlinge „zumindest potentiell gefährdet“ sind. Nicht alle seien tatsächlich in Gefahr, sondern viele etwa bei Angehörigen untergekommen. „Aber wir wissen weder, wo sie sind und was sie machen, noch mit wem.“

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind die verletzlichste Gruppe der Migranten, die zur Zeit nach Europa kommen. Regelmäßig gibt es Berichte über Missbrauch auf der Fluchtroute. Nach Angaben Europols waren rund 27 Prozent der Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr nach Europa kamen, minderjährig. Der Anteil steigt, heißt es nun vom Flüchtlingshilfswerk Unicef: Kamen im vergangenen Jahr großteils Männer nach Europa, so sind mittlerweile ein Drittel der Flüchtlinge, die per Boot von der Türkei nach Griechenland übersetzen, Kinder. An der griechisch-mazedonischen Grenze liege der Anteil von Frauen und Kindern bei 60 Prozent; Männer seien erstmals in der Minderheit.

          Ein beinahe unmögliches Unterfangen

          Wie viele der Kinder und Jugendlichen alleine einreisen wird nicht erhoben. Erst bei der Registrierung an der deutschen Grenze wird danach gefragt. Mehr als 60.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge lebten Ende Januar nach Angaben von Unicef in Deutschland – mehr als in jedem anderen europäischen Land. Zwischen 35.000 und 40.000 davon kamen allein im Jahr 2015. Die Zahl ist also ähnlich stark gestiegen wie die Zahl der Flüchtlinge insgesamt. Allerdings ist der Aufwand für Städte und Kommunen ungleich höher, denn unbegleitete Minderjährige kommen nicht in Gemeinschaftsunterkünften unter, sondern müssen nach Maßgabe des Kinder- und Jugendrechts betreut und in Obhut genommen werden. Davor wird geprüft, ob sie tatsächlich jünger als 18 Jahre alt sind. In vielen Fällen ein beinahe unmögliches Unterfangen.

          Gilt der Jugendschutz, müsste ein Betreuer theoretisch für zwei Personen Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Das ist angesichts der großen Zahl unmöglich. Auch herrscht in vielen Gegenden weiterhin ein Ausnahmezustand. In Rosenheim etwa leben rund 100 unbegleitete Minderjährige in einer Turnhalle. Es sei zu befürchten, dass eine Unterbringung, die den gesetzlichen Vorgaben widerspreche, zum Dauerzustand werde, sagt Niels Espenhorst vom Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Bumf). Dabei hat sich vor allem für grenznahe Regionen die Situation eigentlich verbessert. Bis November des vergangenen Jahres war diejenige Gemeinde, in der die jungen Leute aufgegriffen wurden, dauerhaft für sie zuständig. Mittlerweile werden auch junge Flüchtlinge bundesweit nach dem Königsteiner Schlüssel verteilt. Andernfalls wäre Rosenheim „untergegangen“, sagt der Leiter des Kreisjugendamtes Rosenheim, Johannes Fischer. Die Verteilung läuft nun aus dem Süden Deutschlands nach Norden.

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