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Vermisste Flüchtlinge : Wo sind all die Kinder hin?

Vermisste, unbekannte Tote

Theoretisch. Denn faktisch verschwinden viele Jugendliche irgendwann. Viele ziehen in die Städte, manche in ein anderes Bundesland oder in einen anderen Staat. Jedes Mal muss das Jugendamt eine Vermisstenanzeige aufgegeben und eine Personensuche veranlassen. Dann passiert zumeist nichts. Viele kämen vermutlich bei Verwandten unter oder melden sich bei anderen Jugendeinrichtungen, heißt es vom BKA. Aber so genau weiß das keiner. Das BKA führt die jugendlichen Flüchtlinge in der allgemeinen Liste „Vermisste; unbekannte Tote“. Melden sich minderjährige Flüchtlinge bei einem anderen Jugendamt, werden ihre Daten theoretisch aus der Vermisstenliste genommen.

Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Frankfurt. Allein in Deutschland gelten seit Anfang Januar 4749 minderjährige Flüchtlinge als vermisst.
Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Frankfurt. Allein in Deutschland gelten seit Anfang Januar 4749 minderjährige Flüchtlinge als vermisst. : Bild: dpa

Aber der Datenabgleich gestaltet sich nach Angaben des BKA schwierig; oft fehlen Ausweisdokumente, Angaben zu Namen und Geburtsdaten variieren, Mehrfacherfassungen sind möglich. Manche Jugendliche werden drei bis vier Mal in Obhut genommen, sagt Espenhorst. Bis zu 20 Prozent der Jugendlichen seien „abgängig“, verschwänden also irgendwann. Die Anzahl sei zuletzt gestiegen. Vor allem in Schleswig-Holstein sei die Inobhutnahme und der Schwund besonders groß; in den dortigen Einrichtungen blieben die unbegleiteten Minderjährigen zumeist nur wenige Tage. Dann zögen sie weiter, in Richtung Dänemark oder Schweden. Viele würden von der Polizei aufgehalten und anschließend zurückgebracht. Aber viele kommen irgendwann an. Die meisten in Schweden.

Rekorde in Asylpolitik

Das Königreich hat wie Deutschland ein Jahr der Rekorde in der Asylpolitik hinter sich. 163.000 Menschen beantragten 2015 Asyl in Schweden, darunter 35-000 unbegleitete Minderjährige. Nach Angaben der Migrationsbehörde kamen allein 23000 aus Afghanistan. Der Anteil von unbegleiteten Minderjährigen ist also weit höher als in Deutschland. Deswegen standen sie auch seit Beginn der Flüchtlingskrise im Fokus der Schweden. Auch hier müssen sich die Kommunen um die Betreuung und die Unterkunft für die Minderjährigen kümmern. Die Minderjährigen erhalten nicht nur Rechtsbeistand, sondern auch Paten, die sie betreuen. Im Fokus standen sich auch, weil die Minderjährigen offensichtlich nicht immer Minderjährige sind. So beschloss die Regierung, als sie Ende des Jahres eine Kehrtwende hin zu einer restriktiven Asylpolitik vollzog, dass künftig medizinisch das Alter untersucht werden soll.

In den letzten Wochen aber sind unbegleitete Minderjährige in Schweden noch aus einem ganz anderen Grund in den Fokus geraten: Kriminalität. So gab es Berichte über sexuelle Übergriffe gegen Mädchen und Frauen auf einem Festival in Stockholm – zu den Verdächtigen gehören angeblich Jugendliche aus Afghanistan. Vor kurzem dann wurde in einem Heim für unbegleitete Jugendliche eine Betreuerin erstochen. Der mutmaßliche Täter war ein Bewohner des Heims. Sorgen bereiten den schwedischen Behörden zudem Straßenkinder aus Nordafrika, die ohne Asylstatus auf den Straßen leben – vor allem in Göteborg und Stockholm. Es sollen etwa 800 sein, die meisten offenbar aus Marokko. Die Regierung in Stockholm will sie nun wieder in ihre Heimatländer zurückschicke. Als Ausgleich soll Marokko Gelder für Heime erhalten, wie der schwedische Innenminister Anders Ygeman diese Woche äußerte. Damit sie nicht auch in ihrer Heimat wieder auf der Straße leben müssen.

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