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Flüchtlingskrise : Szenarien zur Flüchtlingskrise: Deutschland 2025 – haben wir es dann „geschafft“?

Auch für Marwan Abou Taam, Experte für Innere Sicherheit und Terrorismus im Landeskriminalamt in Rheinland-Pfalz, hängt die Frage, ob Deutschland die Herausforderung der Flüchtlingskrise bewältigt, vor allem davon ab, wie gut die Integration der Migranten in die deutsche Gesellschaft gelingt. „Wir reden immer nur über Probleme der erwachsenen Migranten und die Chancen für ihre Kinder in den deutschen Kindergärten und Schulen“, sagt Abou Taam. „Dabei werden gerade diese Kinder in den kommenden Jahren in einem extremen Wettstreit mit anderen Migranten stehen – sie konkurrieren mit ihnen um die gleichen Jobs und die gleichen Sozialleistungen.“ Auch dürfe man nicht verschweigen, dass die Gruppe der jungen, männlichen Muslime eine „Problemgruppe“ sei, weil diese ohne ihre Familien und ohne sozialen Rückhalt nach Deutschland kämen und vergleichsweise anfälliger für Radikalisierung und Gewalt seien, wie auch die Silvesternacht in Köln gezeigt habe.

„Wir geben Dir Arbeit. Aber Du musst sie auch annehmen“

Abou Taam wie John appellieren an die deutsche Politik, im Bemühen um die Flüchtlinge die eigene Bevölkerung mit ihren Befürchtungen und Ängsten nicht zu vernachlässigen, weil das nur Misstrauen schüre. „Ohne eine Begrenzung und ohne kontrollierte Außengrenzen ist das nicht zu schaffen“, glaubt John. „,Wir schaffen das' muss sich vor allem auch an die Flüchtlinge richten: Wir helfen Dir, auf eigenen Füßen zu stehen. Wir geben Dir Arbeit. Aber Du musst sie auch annehmen.“ Deutsch lernen könne man auch in den Abendstunden. Auch bei der Integration in den Arbeitsmarkt müsse den Flüchtlingen mehr Eigenverantwortung abverlangt werden, fordert John. „In den Vereinigten Staaten müssen aufgenommene Flüchtlinge spätestens nach sechs Monaten finanziell unabhängig sein. Die Familie selbst ernähren können. Steuern zahlen. Das ist der Maßstab, es geschafft zu haben. Das könnte auch hier in Deutschland gelten.“ 

Auch die Frage, wie schnell abgelehnte Asylbewerber Deutschland tatsächlich wieder verlassen, ist entscheidend für die Akzeptanz der Flüchtlingsaufnahme, glauben Experten – auch wenn nicht jeder die derzeitige Abschieberealität so scharf kritisiert wie Barbara John. Es könne nicht sein, dass eine Abschiebung auch deshalb oft scheitere, weil beispielsweise ein Diabetes-Medikament im Herkunftsland schwerer zu bekommen sei als in Deutschland und ein Asylbewerber sich mit diesem Hinweis darauf berufe, in seiner Heimat gesundheitlichen Risiken ausgesetzt zu sein, kritisiert sie. „Im Moment übertragen wir bei der Prüfung der Abschiebehindernisse auch die deutschen Gesundheitsstandards auf die Herkunftsländer. Dieser Umstand ist inzwischen in Teilen durch das Integrationsgesetz und die Asylpakete korrigiert worden.“ Überhaupt hält John die „Flüchtlingsökonomie“ für „sträflich vernachlässigt“. Denn mit dem Geld, das für einen Aufgenommenen in Deutschland aufgebracht werde, könnte zehn Menschen in sicheren Herkunftsregionen geholfen werden, glaubt sie. „Deutschland muss viel selbstbewusster klar machen, dass die Solidarität mit den Flüchtlingen zwar unverbrüchlich ist. Das bedeutet aber nicht, alle kommen zu lassen, die kommen wollen.“  

Flüchtlinge im vergangenen November in einer Schule in Ravensburg

Andere Experten blicken optimistischer in die Zukunft. „Die meisten Flüchtlinge wollen doch gar nicht dauerhaft in Europa bleiben“, glaubt Marcus Engler, Berater beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). „Die wollen in Sicherheit sein und dann zurück in ihr Land, sobald es geht.“ Wenn es schnell gelinge, die Bedingungen für die Flüchtlinge in den herkunftsnahen Unterkünften etwa in Jordanien oder in der Türkei zu verbessern, könne das den Exodus in Richtung Europa dauerhaft abbremsen – und die Integration derer erleichtern, die doch kommen. Für Engler ist es ein Dreiklang, der zum Erfolg in der Flüchtlingskrise führen kann: Integration, eine möglichst schnelle Rückkehr ins Herkunftsland  und Resettlement-Programme, die den Flüchtlingen dabei gezielt helfen. „Es wird ein langer Weg“, sagt Engler. „Aber wir können es schaffen.“

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