https://www.faz.net/-gpf-8a5qo

Flüchtlingskrise : In geordneten Bahnen

  • -Aktualisiert am

Zwischenstation: Das mazedonische Transitzentrum nahe Gevgelija Bild: dpa

Vor kurzem noch gab es an der mazedonisch-griechischen Grenze chaotische Zustände. Ein neues Transitzentrum für Flüchtlinge hat die Lage nun deutlich verbessert.

          Ab und zu ertönt ein halblauter Hilfeschrei aus dem Dunkel neben dem Weinberg, wo Dutzende Flüchtlingsfamilien zwischen Taschen und Tüten auf griechischem Boden hocken und warten. „Die Eltern sagen ihren Kindern, sie sollen um Hilfe rufen, damit wir sie schneller hineinlassen“, erklärt ein Soldat am Rande der Szene. Er gehört, wenn er nicht Zigarettenpause macht, zu der langen Kette von mazedonischen Grenzsoldaten mit großen Schutzschilden, die den Ansturm von Flüchtlingen an der griechisch-mazedonischen Grenze in geordnete Bahnen lenken sollen.

          Nahe der Grenzstadt Gevgelija, rund 70 Kilometer nordwestlich von Thessaloniki, treffen seit Monaten täglich Tausende Flüchtlinge mit Bussen in Mazedonien ein, auf der Durchreise von Griechenland nach Serbien. An diesem noch recht lauen Novembertag zählen internationale Helfer einen neuen kleinen Rekord: Binnen zwölf Stunden sollen 10.000 Flüchtlinge angekommen sein. Etwa die Hälfte von ihnen sitzt am Abend noch im griechischen Dunkel.

          Der Mann, der auf mazedonischer Seite dafür zuständig ist, dass die Flüchtlinge geordnet weiterziehen, heißt Djoko Lazarev. Der Grenzpolizist ist verantwortlich für das Ende August eröffnete Transitzentrum, ein Dutzend weißer Zelte auf steinigem Grund, wo sich die Flüchtlinge registrieren lassen sollen, bevor sie weiterreisen. Die Leute seien sehr ungeduldig, sagt er. Und man könne – nicht nur der Sprachbarriere wegen – schwer mit ihnen reden. „Die wollen immer gleich mit tausend Menschen auf einmal ins Zentrum und dann am liebsten innerhalb von fünf Minuten eine Zugfahrkarte kaufen und weiterreisen.“ So schnell gehe das aber nicht.

          Der Zug zur 170 Kilometer entfernten serbischen Grenze hält auf freier Strecke neben dem Transitzentrum. Dort können die Flüchtlinge Tickets erwerben, deren Preis die Mazedonier trotz der Kritik von Hilfsorganisationen von fünf auf 25 Euro erhöht haben. Aus den beiden größten Zelten, die als Wartesaal dienen, schallen den ganzen Abend über wütende Gespräche. An den Eingängen streiten Familienväter mit Polizisten. Sie wollen Verwandte nachholen, die noch außerhalb des Zentrums sitzen. Am Ende lässt man sie gewähren.

          Ganze Familien mit Kindern und Großeltern

          Die meisten Flüchtlinge, die in diesen Tagen ankommen, mehr als 60 Prozent, stammen aus Syrien, berichten Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks in Gevgelija. Doch ihr Anteil sei in den vergangenen Wochen zurückgegangen. Es seien mehr Afghanen, Pakistaner und Iraker unter ihnen. Anders als zu Beginn des Sommers seien es nicht mehr vorrangig junge Männer, sondern ganze Familien mit Kindern und Großeltern. Und die Flüchtlinge seien im Schnitt ärmer als diejenigen, die noch vor zwei Monaten durch Gevgelija reisten.

          Dank den Vereinten Nationen, der Internationalen Organisation für Migration und dem Roten Kreuz gibt es im Transitzentrum 24 Stunden lang Wasser, Essen, Toiletten, Erste Hilfe und eine Rechtsberatung. Heizungen und einen Platz zum Schlafen gibt es nicht. Die mazedonischen Behörden stellen Grenzpolizisten zur Verfügung, die in Ausweise und gegebenenfalls vorhandene griechische Registrierungspapiere schauen. Dann stellen sie ihrerseits einen Schein aus und winken die Flüchtlinge durch, wobei sehr viele diese Registrierung umgehen. Flüchtlinge dürfen offiziell 72 Stunden lang in Mazedonien bleiben, dann müssen sie ausreisen – oder hier Asyl beantragen. Aber das tut freilich niemand.

          Neben dem Grenzpolizisten Lazarev tritt der Bürgermeister von Gevgelija, Ivan Frangov, auf, ein stämmiger Mann in dunkler Lederjacke. Es ist ihm wichtig, vor ausländischen Journalisten klarzustellen, dass seine Gemeinde grundsätzlich hilfsbereit sei. Im Sommer hatte es kritische Berichte gegeben, weil die Zustände in Gevgelija chaotisch waren. Noch Anfang August waren die Flüchtlingsgruppen im Zentrum der 16.000-Einwohner-Gemeinde angekommen und hatten um den Bahnhof herum gelagert. Von allen Seiten seien sie damals gekommen, erzählt der Bürgermeister. „Furchterregend“ sei das gewesen. Als sie anfingen, in Hauseingängen zu schlafen, sei ihm klar gewesen, dass er etwas unternehmen müsse. Frangov hatte darauf gepocht, das Transitzentrum einzurichten, und mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk den Platz ausgesucht.

          Inzwischen ist der Bürgermeister zufrieden mit dem Ablauf. „Wir bekommen zurzeit kaum noch etwas von den Flüchtlingen mit.“ Doch er weiß auch, dass sich das sehr schnell ändern kann. Am meisten fürchten sich die Flüchtlinge und die Leute in Gevgelija vor einem kalten Winter – und davor, dass die Serben doch noch ihre Grenze schließen könnten. Deshalb hat Bürgermeister Frangov noch eine letzte Botschaft: „Sagen Sie Ihrer Regierung bitte, dass das Flüchtlingsproblem in Syrien gelöst werden muss.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          EZB-Chef Draghi : Das Ende von „Super Mario“

          EZB-Präsident Mario Draghi demonstriert noch einmal seine Stärke. Doch längst sind Kräfte am Werk, die die Macht der Notenbanken aushöhlen. Werden mit dem Ende der Ära Draghi die Karten neu gemischt?

          TV-Kritik: Anne Will : Die Sehschwächen der Sicherheitsbehörden

          Bei Anne Will wird über das beunruhigende Erstarken des Rechtsextremismus debattiert. Annegret Kramp-Karrenbauer schließt eine Zusammenarbeit mit der AfD aus – und liefert sich ein Fernduell mit Hans-Georg Maaßen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.