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Flüchtlingskrise : Die Wut der Russlanddeutschen

Da gibt es häufig eine große Nähe zur russischen Argumentation“, sagt Müller. Die Demonstration vor zwei Wochen habe überhaupt nicht zu Verhaltensmustern gepasst, wie er sie bislang von den Russlanddeutschen kenne: „Das war ein gesteuerter Flashmob bei einer Bevölkerungsgruppe, die politisch bisher nicht sonderlich aktiv war, wir hatten in den vergangenen 25 Jahren keine Demo von Spätaussiedlern.“

Eine Million Euro gibt die Stadt auch heute noch aus ihrem Haushalt für die bessere Integration der Russlanddeutschen aus, der Etat umfasst 60 Millionen Euro. In den vergangenen zwanzig Jahren ließ sich die Stadt die Integrationsarbeit also 20 Millionen Euro kosten. „Wir brauchen jetzt kein neues Integrationsprogramm, die Spätaussiedler sind längst angekommen“, sagt Müller. „Wenn aber ein Meinungskrieg initiiert wird, dann muss besonders mit den Russlanddeutschen die Diskussion geführt werden, wer mehr recht hat und objektiv informiert: Russia Today oder die deutschen Medien.“ Die Flüchtlingskrise mache die Russlanddeutschen „kopfscheu“, sie seien so irritiert, dass eine große Gruppe auf „Alarm geschaltet“ habe.

„Schwule raus“

Nach der Lahrer Demonstration distanzierten sich die Vereine „Bürger Aktiv Lahr“ und die „Landsmannschaft“, in denen sich die Russlanddeutschen organisieren, von der Kundgebung. Die Mehrheit von ihnen will vermeiden, dass das gute Verhältnis zu den alteingesessenen Lahrer Bürgern Schaden nimmt. Die Polizei führte kürzlich ein Gespräch mit Vertretern der Russlanddeutschen, um Gerüchte über die hohe Kriminalität der Flüchtlinge und Vorfälle, über die nur gemunkelt wurde, wieder aus der Welt zu schaffen.

In Kippenheimweiler stehen am Ortsrand mehrere gelbe Wohnblöcke. Ein katholischer Kindergarten wurde Mitte der neunziger Jahre gebaut, die Soldatenwohnungen der Kanadier renoviert, sie könnten aber wieder etwas Farbe vertragen. Der Ort hat einen eigenen, viel kleineren Supermarkt für Russlanddeutsche als Lahr. Er heißt „Elisa-Markt“, weil er von Elisabeth Esipowitsch geführt wird. Frau Esipowitsch steht mit ihrer Schwester Natalia Boss an der Brottheke. Beide Frauen beunruhigt die Flüchtlingskrise. Natalia informiert sich fast ausschließlich über Facebook, Zeitungen liest sie nicht mehr. „Deutsche Fernsehsender schauen wir auch nicht mehr, die verbreiten nur Lügen, und was die Flüchtlinge angeht, wird doch sehr viel vertuscht“, meint sie.

Natalia Boss gehörte am vergangenen Sonntag auch zu den etwa 400 Russlanddeutschen, die in Offenburg demonstrierten. Die Kundgebung war von der Partei „Die Einheit“ angemeldet und fand unter dem Motto „Mehr Schutz und Sicherheit für Frauen und Kinder in Deutschland“ statt. Angela Merkel wurde auf Plakaten als „Volksverräterin“ bezeichnet. Alexej Simon, der Landtagskandidat der jungen Partei, sagte, die Wirtschaftssanktionen gegen Russland hätten schon eine Million Arbeitsplätze gekostet. Linke Gegendemonstranten skandierten dann: „Flüchtlinge willkommen.“ Das beantworteten die Anhänger der „Einheitspartei“ mit dem Ruf: „Schwule raus.“

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