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Flüchtlingskrise : Die Wut der Russlanddeutschen

Russlanddeutsche Spätaussiedler werden nach dem Bundesvertriebenengesetz sofort als Deutsche anerkannt, wenn sie grundlegende Deutschkenntnisse haben und in der Sowjetunion verfolgt worden sind. „Unser Ziel muss sein“, sagt Weiß, „dass wir mehr Russlanddeutsche in die Gemeinderäte bekommen. Wo können wir denn mit Ihnen ins Gespräch kommen?“, fragt er. „Vielleicht, wenn ihr in die Kirchen oder den Mini-Markt in Lahr geht!“, antwortet eine Frau.

Angebliche Vergewaltigung : Sorge vor russischer Medien-Kampagne gegen Deutschland

Der Lahrer „Mini-Markt“ liegt gleich neben dem Bahnhof, die Siedlung der Russlanddeutschen am Kanadaring ist nicht weit entfernt. Eine Pizzeria gibt es hier und einen Imbiss, der „Schaschlik mit Brot, Zwiebel und Essiggurke“ für 2,80 Euro anbietet. Ein Essen, das nicht gerade eine badische Spezialität ist. In dem gutsortierten Markt gibt es das beste Fischangebot Lahrs, „Premium-Kaviar“, „Wodka Rossijskaja Korona“ und fast alle Feinkostwaren, die in Polen oder Bulgarien nach russischen Rezepturen produziert werden.

Russische Medien gewinnen an Glaubwürdigkeit

Der Markt ist das Zentrum des russischen Lebens in Lahr. Manchmal verirren sich auch einige Flüchtlinge in den „Mini-Markt“, weil sie Putenfleisch oder Obst kaufen wollen. „Eigentlich sieht man die hier aber selten“, sagt der 36 Jahre alte Eugen Romme, der das Geschäft mit seinen Eltern führt. „Natürlich, wir sind ja damals auch gekommen. Aber wir waren doch ein bisschen anders. Solche Sachen, wie sie in Köln vorgefallen sind, haben wir nicht gemacht.

Russlanddeutsche haben normal großen Respekt vor Frauen“, sagt Romme. Seine Familie, die auch Vorfahren aus dem Elsass vorweisen kann, habe ihre deutschen Wurzeln genau belegen müssen, um eine Einreiseerlaubnis zu bekommen. „Durch die Ukraine-Krise und die Flüchtlinge ist die Stimmung bei uns gekippt; wenn du sagst, ich bin ein bisschen pro Putin, dann sagen sie gleich: Geh nach Hause!“, sagt Romme.

Das russische Fernsehen sei vor allem für die Älteren Unterhaltung, man wisse natürlich, dass es auch Propaganda sei, aber im deutschen Fernsehen werde auch vieles verschwiegen. In dem Maße, in dem bei den Russlanddeutschen während der Ukraine-Krise das Vertrauen in die deutschen Medien geschwunden ist, scheinen nun die russischen Sender und die russischen Seiten sozialer Netzwerke wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Rommes Mutter Elena sitzt für die CDU im Ortsbeirat, sie will das auch weiterhin tun, doch ihre Verunsicherung verschweigt sie nicht: „Wir haben große Angst, alles zu verlieren, viele haben auch Angst um ihre Frauen, ihre Kinder und vor dem Terror.“

Eine Million Euro für bessere Integration

Wenn Oberbürgermeister Müller über seine russlanddeutschen Mitbürger redet, spricht er nicht von Integration, sondern lieber davon, dass sie sich seit ein paar Jahren nun „eingefunden“ hätten. „Dass viele von ihnen statt des Offenburger Kennzeichens jetzt wieder LR am Auto haben und dafür auch noch etwa 60 Euro ausgeben, auch das zeigt mir, dass sie sich eingefunden haben und Lahr als neue Heimat sehen. Zugleich haben sie einen Teil ihrer russischen Identität behalten, das sieht man beim Essen, bei Festen, der Folklore sowie bei politischen Diskussionen.

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