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Flüchtlingskrise : Die Wut der Russlanddeutschen

Wird den Politikern wie bei vielen solcher Betriebsbesichtigungen mal wieder die heile Welt von Integration und Aufstieg vorgespielt? Nicht ganz, denn mit der deutschen Politik sind die Rudis wie fast alle Russlanddeutschen in Lahr derzeit äußerst unzufrieden. „Mag sein, dass die Älteren unter uns Helmut Kohl immer noch dankbar sind“, sagt Rudi, „aber für Frau Merkel gilt das nicht mehr, da ist das anders.“ Die Ukraine-Krise, die deutsche Kritik an Putins Politik und der Krim-Annektion, die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin, eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der amerikanischen Politik und zuletzt noch die Kölner Silvesternacht haben die ehemaligen Spätaussiedler verunsichert.

„Ich würde es genauso machen wie Putin“

Sie sehen ihren Nestbau in Deutschland gefährdet, durch russische Medien oder russische Facebook-Seiten lassen sie sich zunehmend aufstacheln. Die Flüchtlingskrise politisiert die Russlanddeutschen, die ihre Erfüllung viele Jahre in der Familie, der Kirche und beim Häuslebauen gesucht hatten, was in Lahr gut ankam. In einem schleichenden Entfremdungsprozess entfernen sich die Russlanddeutschen von Angela Merkel – und etwas auch von der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Erfolgreiche Unternehmer: Olesja und Eduard Rudi
Erfolgreiche Unternehmer: Olesja und Eduard Rudi : Bild: Frank Röth

Das bekommen der Bundestagsabgeordnete Peter Weiß und die Landtagskandidatin Marion Gentges im Konferenzraum der Spedition deutlich zu spüren. Immer wieder müssen sie die Berliner Politik verteidigen. „Ich sage nicht, dass ich für Putin bin oder für Russland, aber ich verstehe ihn, ich würde es genauso machen wie Putin. Man kann sich doch nicht nackt machen. Irgendwann ist Putin umzingelt“, sagt der Unternehmer Rudi. Einer seiner Mitarbeiter sagt: „Wenn die CDU erfolgreich um unsere Stimmen werben will, dann muss sie beim Thema Flüchtlinge etwas ändern. Und es geht auch nicht, dass immer groß gemeldet wird, wenn in Kiew eine Bombe einschlägt, und verschwiegen wird, wenn im Donbass etwas passiert.“

Bei Bundestagswahlen konnten CDU-Kandidaten in Wahlbezirken mit einem hohen Anteil von Russlanddeutschen mit Erststimmenergebnissen von 70 Prozent rechnen. Das dürfte jetzt auch in Lahr schwieriger werden. Olga Held meldet sich bei diesem Wahlkampftermin mehrfach zu Wort, sie engagiert sich in der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Wie es sein könne, dass Frau Merkel die syrischen Männer gleich über die Grenze lasse, sie selbst als Russlanddeutsche habe bei ihrer Einreise nach Deutschland aber viele Papiere und Stempel gebraucht.

Alte gegen neue Einwanderer

„Und es tut mir leid“, mischt sich Eduard Rudi noch einmal ein, „es kommen jetzt die Falschen, und ich denke, die Politiker können uns Russlanddeutsche nicht mit den Asylbewerbern gleichsetzen.“ Neue und alte Einwanderer geraten in Konflikt, es geht um ältere und neue Rechte. Der Bundestagsabgeordnete Weiß versucht zu beschwichtigen und erklärt, dass Russlanddeutsche und Asylbewerber ja einen grundsätzlich unterschiedlichen Rechtsstatus hätten. Auch anerkannte Asylbewerber bekämen erst nach sechs Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft, und das auch nicht automatisch.

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