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Flüchtlingskrise : Die Wut der Russlanddeutschen

Der Lahrer Oberbürgermeister Wolfgang G. Müller, ein Sozialdemokrat, der immer noch die in Lahr einst produzierten Roth-Händle-Zigaretten raucht, saß gerade mit seiner Frau am Mittagstisch, als auf seinem Handy die Nachricht von der Spontandemonstration einging. Müller ist bei den Russlanddeutschen eigentlich beliebt. Kurzentschlossen eilte er in die Innenstadt und sprach spontan zu den Demonstranten.

„Kommen Sie wieder auf Normaltemperatur!“

Es gab hitzige Diskussionen. Müller griff sich das Megafon und versuchte, den aufgebrachten Demonstranten die Flüchtlingskrise zu erklären, warb um Verständnis für die etwa 900 Flüchtlinge, die in einem Containerdorf auf dem Lahrer Flughafen leben. „Sie mögen das als provokant empfinden, ich will Ihnen ganz ehrlich was sagen: Ich persönlich bin x-tausendmal gefragt worden: Warum muss denn das kleine Lahr 9000 Spätaussiedler aufnehmen? Diese Frage muss man genauso stellen.“

Dann eskalierte die Situation für ein paar Minuten. Pfiffe, Beschimpfungen, Gerangel. Ein Demonstrant versuchte, Müller das Megafon wegzunehmen. „Wir sind Deutsche“, riefen die Russlanddeutschen. Müller machte der aufgebrachten Menge klar, dass er auch für die Akzeptanz der Russlanddeutschen vor zwanzig Jahren kämpfen musste. „Sie arbeiten nur mit Emotionen und stacheln sich gegenseitig auf, kommen Sie runter, kommen Sie wieder auf Normaltemperatur!“ Im Verhältnis zwischen Russlanddeutschen und Lahrern, zwischen Unternehmern und den aus Kasachstan eingewanderten Mitarbeitern herrscht meistens „Normaltemperatur“.

Wütende Schwestern: Natalie Boss und Elisabeth Esipowitsch in ihrem Laden
Wütende Schwestern: Natalie Boss und Elisabeth Esipowitsch in ihrem Laden : Bild: Frank Röth

Integration braucht oftmals Jahrzehnte. Manchmal geht es auch schneller. Olesja und Eduard Rudi haben in den vergangenen zehn Jahren ein Transportunternehmen aufgebaut. Erst verkauften sie Baumaschinen nach Kasachstan, dann schafften sie Sattelschlepper für eine eigene Spedition an. Fünf der 40 Zugmaschinen stehen auf einer planierten Obstwiese. Die Firma expandiert. Bei Dunkelheit führen sie den CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Weiß und die CDU-Landtagskandidatin Marion Gentges über das Betriebsgelände.

Mit deutscher Politik äußerst unzufrieden

In Baden-Württemberg ist Wahlkampf. Es geht um jede Stimme. Und die Russlanddeutschen waren bislang immer treue CDU-Wähler, aus Dankbarkeit, weil es Helmut Kohl war, der damals die Tore für sie öffnete. Werkstatthalle, Reifenlager, moderne Büroräume, in denen Fahrzeuge, Frachtrouten und Fahrer disponiert werden, die Beschriftungen sind deutsch, englisch und russisch. „Wir wollen die Reparaturen zu neunzig Prozent selbst machen, kürzlich haben wir erstmals einen Getriebe- und Motortausch selbst gemacht“, sagt Eduard Rudi mit großem Stolz. Die Besuchergruppe bekommt zum Abschluss eine Videopräsentation gezeigt, unterlegt von Xavier Naidoos Lied mit der Textzeile:

„Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer.“ Die Firma aufzubauen sei ein harter Kampf gewesen, sagt der Jungunternehmer. Mittlerweile unterstützen die Rudis den lokalen Fußballclub finanziell und zahlen ihren Mitarbeitern sogar einen Beitrag für das Fitnessstudio. Und Olesja Rudi, die in den Vereinigten Staaten studiert hat, führt einen Verband für russlanddeutsche Unternehmer.

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