https://www.faz.net/-gpf-88aii

Flüchtlingskrise : Das letzte Gefecht

Schon fast geschlossen, jetzt wieder wertvoll: In der Bundeswehr-Kaserne Fünfeichen des Fernmeldebataillons 801 wohnen jetzt Flüchtlinge. Bild: Andreas Pein

In Neubrandenburg wurde eine gerade geschlossene Kaserne über Nacht zur Flüchtlingsunterkunft. Nun hilft ein Oberfeldwebel, der längst im Ruhestand war, und die Ehefrauen der Soldaten sortieren Spenden.

          Das letzte Gefecht des Fernmeldebataillons 801 der Bundeswehr dürfte zugleich das ungewöhnlichste sein: die Betreuung von Flüchtlingen. Standort des Bataillons ist die Kaserne in Neubrandenburg-Fünfeichen. Der Standort wird gerade aufgegeben, die Einheit aufgelöst, die Kaserne dem bundeseigenen Immobilienfonds zurückgegeben. 200 Soldaten sind derzeit noch in Fünfeichen stationiert. Jeden Tag werden einige abkommandiert. Ende März 2016 ist dann endgültig Schluss. Dieser Umstand brachte dem Kommandeur, Oberstleutnant Frank Töpfer, kurz nach dem Auflösungsappell seiner Einheit den Anruf seines Brigadegenerals ein: Fünfeichen werde Notaufnahme für 300 Flüchtlinge, alles sei dafür vorzubereiten. Das war an einem Nachmittag. Schon am Abend sollten die ersten Flüchtlinge aus München eintreffen.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am Tag darauf dann kamen 200 Flüchtlinge aus München in vier Bussen auf das Gelände. „Wir waren gerade einmal seit zwei Stunden mit den Vorbereitungen fertig“, sagt Töpfer. Eine Mannschaftsunterkunft, eben erst ausgeräumt, wurde für die neuen Bewohner wieder eingeräumt. Das Deutsche Rote Kreuz kam mit einem großen Zelt, das jetzt als Speisesaal dient. Die Soldaten halfen, es aufzustellen. Sie halfen, die Wasser-, Abwasser- und Gasleitungen, die schon abgeschaltet waren, wieder herzurichten. Ein Bauzaun wurde über das Gelände gezogen, um den militärischen Teil von der Notunterkunft abzutrennen. Der Hintereingang der Kaserne, von wo aus es früher ins Gelände ging, wurde zum Eingang für die Notaufnahme.

          Nun sind die Soldaten dabei, die Flüchtlinge zu betreuen. In der Nacht, als die ersten ankamen, halfen 35 Soldaten bei der Registrierung, „sonst hätte das Tage gedauert“, so Töpfer. Auch jetzt sind viele Uniformen auf dem Gelände der Notunterkunft zu sehen. Oberstabsfeldwebel Erhard Müller etwa ist für alles Organisatorische zuständig, auch für die vielen Spenden, die von den Neubrandenburgern eingegangen sind und inzwischen mehrere Räume füllen.

          Auch Oberstabsfeldwebel Dieter Schwarz hilft. Er ist längst im Ruhestand und eilt als Reservist zur Hilfe. Vor dem Unterkunftsgebäude fährt er mit dem Auto vor. Ein paar junge Männer helfen ihm dabei, die Säcke mit neuen Spenden in die frühere Waffenkammer zu bringen. Mit dabei in der Unterkunft ist auch seine Frau Jutta, die jetzt zu einer Art Concierge geworden ist, zu einer Helferin für die Wechselfälle des Lebens, wenn etwa Windeln fehlen. Überhaupt unterstützen viele der Ehefrauen der Bundeswehrangehörigen. Sie sortieren die Spenden und helfen den Flüchtlingen, das Richtige zu finden. Jeden Tag um 15 Uhr wird die „Kleiderkammer“ geöffnet, und die Schlange ist schon vorher lang.

          Zwei Soldaten sind in die Notunterkunft sogar regelrecht abkommandiert. Einer ist Hauptgefreiter Ismael Akbar. Sein Vater kam aus Kuweit, seine Mutter ist Schwerinern. Mit seiner Sprachkenntnis ist er eine unschätzbare Hilfe. Die Kinder in der Notunterkunft nennen ihn Onkel. Wo er auftaucht, spricht ihn jemand an. Vor der „Kleiderkammer“ muss er für Ruhe sorgen, weil sich die Männer beschweren, die Frauen würden bevorzugt. Aber die Frauen haben das Vorrecht wegen der Kinder. Und es wird nun einmal nur schubweise eingelassen.

          Mit der ersten Geburt wird schon gerechnet

          Oberstleutnant Töpfer zeigt auf ein Mädchen im bunten, warmen Overall und lächelt: „Das war eben noch der Skianzug meiner Tochter. Ihr ist er zu klein geworden.“ Ein nur wenige Jahre älterer Junge, der beim Fußballspielen auf der Kasernenstraße mitmacht, hat irgendwo ein Trikot des Fußballvereins Borussia Dortmund aufgetrieben. Die Nummer 11 von Marco Reus. Ein anderer fährt unter lautem Brummen mit einem gespendeten Roller über die langen Kasernenflure. Mit einer ersten Geburt auf dem Gelände wird gerechnet. Eine Frau ist im achten Monat schwanger nach Fünfeichen gekommen.

          Neben Menschen aus Syrien, Afghanistan, aber auch Albanien sind hier auch Pakistaner und Inder angelangt. Jede Nacht kommen neue Flüchtlinge hinzu, von der Polizei irgendwo aufgegriffen. Manchmal sind auch Personen auf einmal wieder verschwunden, um ihr Glück anderswo zu versuchen. In Schweden vielleicht. Von Anfang an klappte in Mecklenburg-Vorpommern die Zusammenarbeit zwischen Flüchtlings-Krisenstab und Bundeswehr. Der Kommandeur des Landeskommandos Mecklenburg-Vorpommern, Brigadegeneral Christof Munzlinger, steht dafür sozusagen persönlich ein. Er unterstellte dem Innenminister kurzerhand 300 Soldaten und bot auch sonst jede Hilfe an. Neben Fünfeichen wurde schon eine Kaserne bei Stavenhagen zur Flüchtlingsunterkunft. Weitere werden wohl folgen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bernie Sanders’ Buch : „Steht auf und kämpft“

          Bernie Sanders will noch nicht sagen, ob er wieder als Präsidentschaftskandidat der Demokraten ins Rennen zieht. Aber er hat schon mal ein Wahlkampfbuch geschrieben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.