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Flüchtlingsansturm in München : „Wo sollen die bloß alle hin?“

Allein an diesem Samstag sind rund 10.000 Flüchtlinge am Münchener Hauptbahnhof angekommen. Die Menschen auf dem Foto warten auf einen Bus, der sie in eine der Erstaufnahmeeinrichtungen fahren soll. Bild: dpa

Die gefürchtete Nacht zum Sonntag ist überstanden: München hat den Flüchtlingsansturm bewältigt. Allein bis Mitternacht sind 13.000 Menschen in der bayerischen Landeshauptstadt angekommen. Doch am Ende mussten nur Dutzende auf Isomatten im Bahnhof übernachten. Eine logistische Meisterleistung.

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          „Wo sollen die bloß alle hin?“, sagt ein Mann und geht kopfschüttelnd an den Absperrungen vorbei. Wo sie hinwollen, daran lassen die Flüchtlinge auch an Samstagabend im Münchner Hauptbahnhof keinen Zweifel. „Germany, Germany“, rufen ein paar junge Männer mit Rucksäcken,  einer von ihnen kniet sich lächelnd hin, in der einen Hand eine Zigarette, und küsst den grauen Bahnhofsboden. Rund 13.000 Menschen sind allein an diesem Samstag bis Mitternacht gekommen, ruhig und langsam gehen sie den Weg von den Gleisen durch die Absperrungen links und rechts, die ihnen den Weg zu den Helfern weisen. Immer noch stehen Menschen an den Absperrungen, winken ihnen zu und geben den Kindern Plüschtiere oder Süßigkeiten. Auch Freunde und Verwandte von Flüchtlingen stehen dort und unterhalten sich oft kurz mit einigen Ankommenden, bis diese dann weiter zu den Helfern gehen.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Polizei gab sich ebenso wie die ehrenamtlichen Helfer zuversichtlich: Es sei auch am Samstag alles „in geregelten Bahnen verlaufen“, sogar das Zusammentreffen mit Fußballfans habe man bedacht und deren Züge umgeleitet, sagt ein Polizeisprecher. Wenn auch der Empfang den Behörden die geringsten Sorgen bereitet, so war die Unterbringung im Laufe des Tages zum größten Problem geworden. Doch die logistische Meisterleistung gelang: Am Ende mussten nur Dutzende statt Tausende auf Isomatten im Münchner Hauptbahnhof übernachten.

          Schon am Samstagnachmittag hatte Oberbayerns Regierungspräsident Christoph Hillenbrand vor einer dramatischen Zuspitzung der Lage gewarnt:  „Alle Kapazitäten der Unterbringung und des Weitertransports sind erschöpft.“ Er habe „wirklich die Sorge, ob wir das schaffen“. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hatte am Samstagmittag erklärt, er sei „ernsthaft besorgt über die Entwicklung der Lage in München“. Die bayerische Landeshauptstadt sei an der Grenze der Belastbarkeit angekommen. Alle übrigen Bundesländer hätten zusammen nur 1500 freie Unterbringungsplätze gemeldet. Das reiche bei weitem nicht aus. Beide forderten mehr Unterstützung durch Bundesregierung, Länder und Kommunen.

          Flüchtlinge, die kurz zuvor mit Zügen angekommen sind, werden an diesem Samstag vom Münchener Hauptbahnhof zu einer Unterkunft begleitet.

          Wenn die Länderchefs und die Innenminister erklärten, sie seien am Anschlag, so empfinde er dies als „dreist“ und „geradezu lächerlich“, sagte Reiter. „Das Flüchtlingsproblem ist ein nationales Thema, dass wir nicht mehr in München lösen können.“ Auch Kommunen seien gefragt: „Jeder Zug mit 500 Flüchtlingen, der in eine andere Stadt geleitet werden kann, hilft.“ Mehr als 60.000 Asylsuchende sind seit dem 31. August am Münchner Hauptbahnhof angekommen.

          Zur Not muss die Isomatte reichen

          Am Abend heißt es seitens der Helfer aber auch, dass die Stadt mehrere Notunterkünfte schon organisiert habe. An der Olympiahalle sei schon seit Stunden begonnen worden, Isomatten und Decken bereit zu stellen. 800 Matten und Decken, so der Aufruf an die Bürger am Abend, würden benötigt. Auch innerhalb der Stadt stünden an weiteren Standorten Unterkünfte, auch eine Zeltstadt, zur Verfügung. Das seien zwar keine „richtigen Übernachtungsunterkünfte“, aber zur Not reiche eben auch eine Isomatte und eine Decke.

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          Auch in Unterhaching sollen am Sonntag Helfer zusammen mit der Bundeswehr auf einer Grünfläche „Versorgungszelte“ aufbauen. Dort sollen Kapazitäten für 1500 Menschen geschaffen werden. Kurz geprüft wurde angeblich auch die Unterbringung in Schulen und Bunkern. Die Schulen scheiden jedoch aus, weil nächste Woche der Unterricht nach den Sommerferien in Bayern wieder beginnt. Und die Bunker böten nicht nur zahlenmäßig zu wenig Platz, auch sei die Unterbringung dort niemandem wirklich zuzumuten, heißt es seitens der Helfer.

          Die ehrenamtlichen Helfer, die auch diese Nacht unermüdlich Wasserflaschen austeilen, kleine Kinder tragen oder unbegleitete Jugendliche zu dem Aufnahmelager in der Bayernkaserne bringen, können sich noch immer vor Hilfsangeboten nicht retten. Nach wie vor kommen Dutzende Menschen zum Bahnhof, bringen Lebensmittel und Kleidung oder bieten selbst ihre Hilfe an. „Wir müssen viele vertrösten, es fragen viel mehr Menschen an, als wir einsetzen können“, sagt eine Helferin vom Leitungsstab, die seit acht Uhr morgens im Einsatz ist und bis ein Uhr in der Nacht noch weiterarbeiten wird. Inzwischen kann man unter der Internetseite www.fluechtlingshilfemuenchen.de erfahren, wo und wann noch Helfer gebraucht werden. Bislang, so ein Helfer, hätten sich die Münchner Bürger hier von ihrer besten Seite gezeigt. „Mal sehen, wie lang die Willkommenseuphorie noch anhält.“

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