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Flüchtlingsansturm in München : „Wir schaffen nicht jeden Tag eine Kleinstadt!“

Flüchtlinge sitzen am 13. September 2015 kurz nach ihrer Ankunft in einem Zeltlager an der Donnersberger Brücke in der Nähe des Hauptbahnhofs in München. Bild: dpa

Weiterhin kommen tausende Asylsuchende in München an. Erstmals werden nun auch normale Züge dafür eingesetzt, die Flüchtlinge in andere Bundesländer zu bringen.

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          „Feuchte Augen“ hätte man glatt bekommen können, sagt Colin Turner , einer der Sprecher der ehrenamtlichen Helfer am Hauptbahnhof. Denn Minuten, nachdem in dieser Nacht getwittert wurde, dass 800 Isomatten und Decken benötigt werden, kamen schon die ersten Münchner mit Bettzeug vorbei. „Als ich aus dem Bahnhof herausging, stapelten sich schon jede Menge Matten und Bettdecken vor der Annahmestelle.“

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Aufruf habe sich dann schnell erledigt. Die Leute seien „einfach toll“. Und auch in den Helferteams sei das Engagement nach wie vor ungebrochen, 1000 Helfer seien allein am Samstag im Einsatz gewesen. „Im Minutentakt schlagen hier die Leute auf, die helfen wollen.“

          Während er spricht, tragen dutzende junge Frauen in lilafarbenen Westen große Müllsäcke mit leeren Wasserflaschen die Treppen vor einem Bahnhofseingang herunter.

          Zwei Mädchen in modisch zerrissenen Jeans sortieren danach geduldig die halbleeren Flaschen aus, schütten das Wasser in die Blumenkübel an der Treppe, bevor sie die Flaschen zurück in die Mülltüten legen. Aufräumen nach einem langen Samstag, an dem in München bis Mitternacht 12200 Asylssuchende angekommen sind. 

          Flüchtlinge müssen nicht im Freien schlafen

          Niemand habe im Freien schlafen müssen, sagt  Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) am Sonntagmittag auf einer Pressekonferenz  am Bahnhof direkt neben den Absperrgittern. „Doch die Kapazitäten sind bis zum äußersten ausgeschöpft worden.“

          Nur durch Notunterkünfte in der Stadt habe man die Situation irgendwie bewältigen und einen geregelten Ablauf garantieren können. Nach wie vor werde die Olympiahalle vorbereitet, doch auch dort gebe es keine richtigen Übernachtungsplätze. Provisorisch sei an einem Standort in der Stadt auch eine Zeltstadt errichtet worden, die habe man aber noch nicht nutzen müssen.  Somit werden die Menschen weiterhin in die Messehallen und die Unterkünfte in Dornach, außerhalb von München, gebracht.

          Reiter gibt sich nicht mehr so wütend wie am Samstag, als er seinen Unmut über die zögernde Aufnahme durch andere Bundesländer nicht verbarg. Er wundere sich aber nach wie vor, warum es so lange dauere und warum man so sehr „Überzeugungsarbeit“ leisten müsse.

          Man sei mit allen Bundesländern in Kontakt, denn die Frage der Unterbringung der Flüchtlinge sei eine Frage, die ganz Deutschland betreffe.  „Ich sehe aber einen Hoffnungsschimmer, dass es vielleicht bald besser läuft.“

          Doch Sozialministerin Emilia Müller (CSU), die neben ihm steht, macht aus ihrem Herzen weiterhin keine Mördergrube: „Es kann nicht sein, dass nur Bayern in der Pflicht ist.“ Und es könne auch nicht sein, dass in Europa die Menschen „einfach unkontrolliert“ ein- und auswandern. „Wir wollen wissen, wer kommt.“

          Somit sei die Flüchtlingsfrage nur innerhalb des gesamten Landes zu stemmen. Sie fordert innerhalb Deutschlands die Verteilung der Asylsuchenden nach dem „Königssteiner Schlüssel“.  Diese Regelung  sieht bestimmte Aufnahmequoten für die Bundesländer vor. Grundlegend sind hier vor allem die Steuereinnahmen und die Bevölkerungszahl des jeweiligen Bundeslandes. Zu

          dem, so Müller, müsse auch eine „europäische Lösung“  gefunden werden.

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