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Österreich : Gestrandet in Salzburg

Warten auf den Zug nach Deutschland: Flüchtlinge in der Wandelhalle des Salzburger Hauptbahnhofs Bild: Rüdiger Köhn

Auch wenn Ungarn die Grenzen nach Österreich dicht gemacht hat, ziehen vorerst weiter Tausende Flüchtlinge Richtung Norden nach Deutschland – und damit durch das Nadelöhr Salzburg. Aber nur noch wenige Züge fahren nach Freilassing.

          Am Dienstagmorgen lief alles noch ganz ruhig an. Um 9 Uhr stand der Zug nach Deutschland am Bahnsteig bereit und wartete auf die Freigabe der Deutschen Bahn, den Hauptbahnhof Salzburg  Richtung Freilassing hinter der österreichisch-deutschen Grenze zu verlassen. Doch er musste warten. Kurz nach 10 Uhr fuhr ein Zug aus Wien ein, aus dem plötzlich 350 Flüchtlinge ausstiegen. Und auf einmal war alles anders am Hauptbahnhof  Salzburg, sieben Kilometer entfernt vom Grenzübergang Freilassing, gerade einmal  15 Fahrradminuten entfernt. Der Zug gen Deutschland, der eigentlich um 9 Uhr abfahren sollte, hatte weit mehr als zwei stunden Verspätung. Von den Flüchtlingen ist niemand „umgestiegen“.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Sie wurden stattdessen in die Tiefgarage des Bahnhof geführt, die  für den öffentlichen Verkehr gesperrt worden ist. Bundesheer, Caritas und viele freiwillige Helfer versorgten die Ankömmlinge mit dem Nötigsten. Gruppenweise wurden sie wieder von unten in die Wandelhalle des Bahnhof geführt, wo sie über Stunden in Blöcken saßen; viele junge Menschen, aber auch viele Familien mit Kindern und Alten. Wenn denn ein Zug gen Deutschland weiterfuhr, wurden sie in kleinen Gruppen auf den Bahnsteig geführt, wo sie den Zug bestiegen. Anders als bei der Ankunft in Deutschland, etwa am Hauptbahnhof München, werden die Hilfesuchenden in Salzburg nicht erfasst.

          „Wir sind das Nadelöhr“

          Denn Salzburg ist eine Drehscheibe, wie es der Sprecher der Stadt sagt. In erste Linie kommen die über Ungarn eingereisten Flüchtlinge aus dem Osten, aus Wien, aber auch aus allen anderen Himmelsrichtungen. Salzburg, die Festspielstadt, die Geburtsstadt Mozarts mit gerade einmal 150.000 Einwohnern, ist mit seiner Lage prädestiniert für die Durchleitung nach Deutschland; neben dem Grenzübergang bei Passau weiter östlich.

          Wilfried Haslauer, Landeshauptmann des österreichischen Bundeslandes Salzburg, beschreibt es der Situation angebracht besser: „Wir sind das Nadelöhr, ob für die Ströme aus dem Osten oder aus dem Süden.“ Er sieht sich, wie viele andere, in der Pflicht. „Wenn wir in Salzburg keine Züge übernehmen, werden die Menschen auf die Straßen ausweichen.“ Oder auf die Gleise. So geschehen Sonntagnacht und Montag in der Früh, als Hunderte von Flüchtlingen von Salzburg aus zu Fuß über die Gleise nach Freilassing zogen, als am Sonntag der Zugverkehr nach Deutschland eingestellt worden war. Auch am Dienstag musste abermals der Zugverkehr vorübergehend gestoppt werden, als Flüchtlinge auf deutscher Seite über die Gleise liefen.

          Zur Versorgung werden Flüchtlinge in die Tiefgarage des Bahnhofes gebracht. Wenn nachts keine Züge mehr fahren, müssen sie dort schlafen.

          Für Haslauer ist es allemal besser, wenn die Flüchtlinge über das Nadelöhr nach Deutschland ausreisen. Lieber ein „offenes Scheunentor“ sein, als die Ströme von Menschen über die „grüne Grenze“  unkontrolliert ziehen lassen und sie dann wieder einsammeln zu müssen. Er ist mit den Bürgermeistern der grenznahen bayerischen Städte im Gespräch. Auch so sollte Druck aufgebaut werden, eine möglichst schnelle Weiterleitung nach Deutschland zu erreichen, damit die Flüchtlinge nicht in der Grenzregion bleiben.

          Der Druck ist enorm, auch wenn dies zunächst am Dienstag in Salzburg gar nicht einmal so aussah. Im Laufe des Tage kamen noch sieben Busse aus Graz mit etwa 350 Flüchtlingen, die im südlichen Burgenland aufgenommen worden waren. Bis zum Mittag sah die Bilanz am Bahnhof auch noch beruhigend aus. Es seien mehr Asylsuchende weitergefahren als angekommen.

          Nur wenige Züge fahren nach Freilassing

          Doch am Nachmittag wurden die Nerven wieder arg strapaziert, die der zunächst stoisch und völlig erschöpft auf dem Boden der Bahnhofshalle sitzenden Migranten wie auch die der Organisatoren. Zunächst hieß es, es fährt ein Zug nach Deutschland. Kurzer Jubel der Flüchtlinge brandete auf. Nicht einmal 15 Minuten später die Ernüchterung: Es geht kein Zug; keine Freigabe der Deutschen Bahn. Seit der plötzlichen Einstellung des Zugverkehrs  am vergangenen Sonntag und der Wiederaufnahme am Montagmorgen um 6 Uhr hat sich das Prozedere geändert. Es verlassen nur noch Züge den Bahnhof Richtung Freilassing, wenn es explizit eine Freigabe gegeben hat, die Aufnahmekapazitäten für die Registrierung und die Weiterleitung an dem Grenzbahnhof vorhanden sind. Denn dort  müssen die meisten wieder aussteigen.

          So verließen am Montag „nur“ 2000 Flüchtlinge Salzburg Richtung Deutschland. In den eineinhalb Wochen zuvor waren es jeweils 8000 bis 10.000 Menschen am Tag. Und nachdem es am Dienstag zunächst noch ruhig anging, wurde es im Laufe des Nachmittags zunehmend hektisch. Immer mehr Flüchtlinge kamen an, doch trotz aller organisatorischen Bemühungen gelang es den Verantwortlichen nicht, für die Weiterfahrt zu sorgen. Schon am Vormittag sollen sich Flüchtlinge zu Fuß zur Grenze aufgemacht haben, weil sie nicht länger warten wollten. Arbeit also für die Bundespolizei am Grenzkontrollpunkt dort. Und auch am Autobahn-Grenzübergang Walserberg bei Bad Reichenhall wird wieder kontrolliert. Die Kontrolle, die am Montag noch für kilometerlange Staus gesorgt hatte, war am Dienstagvormittag vorübergehend aufgegeben worden. Das änderte sich mittags wieder. Die Staus bauten sich wieder auf.

          Es bleibt den Flüchtlingen, die in Salzburg angekommen sind, freigestellt, einfach den Bahnhof zu verlassen und dorthin zu gehen, wo immer sie wollen. Sie werden schließlich nicht erfasst. Das erschwert auch den Überblick für die Organisatoren. Um aber ein drohendes Chaos zu vermeiden, ist Landeshauptmann daran gelegen, dass Salzburg die Drehscheibe für die Flüchtlinge aus Osten und Süden bleibt. Denn er weiß: Selbst wenn die Grenzen in Ungarn dicht gemacht worden sind, ziehen noch Abertausende und Abertausende durch Österreich Richtung Norden nach Deutschland – und durch das Nadelöhr Salzburg.

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