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Gastbeitrag zur Flüchtlingskrise : Der Verlust der Unschuld

  • -Aktualisiert am

Stacheldraht an der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei. Bild: Picture-Alliance

„Es ist an der Zeit, gemeinsam zu handeln“: Der türkische Ministerpräsident Ahmed Davutoglu bietet der EU in einem Gastbeitrag in der F.A.Z. die Zusammenarbeit in Flüchtlingsfragen an. Gleichzeitig kritisiert er den bisherigen europäischen Beitrag.

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          Die herzzerreißenden Bilder des leblosen Körpers des dreijährigen Alyan Kurdi, der an den Ufern der Ägäis strandete, haben zurecht, vor allem in Europa, eine Welle der Entrüstung hervorgerufen. In Anbetracht der Ausdruckskraft von Bildern hoffe ich auch in dieser hoffnungslosen Situation, dass dieser schreckliche Vorfall, der einem Verlust der Unschuld gleichkommt, nicht umsonst geschehen ist, dass wir alle uns dazu bewegen können, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und tätig zu werden, um solche unnötigen Todesfälle zu verhindern.

          Ich weiß allerdings auch, dass diese schrecklichen Bilder im Gedächtnis vieler nur flüchtig sind. Der Schock wird zum Schrecken führen und der Schrecken zur Angst – und diese Angst wird den Rückzug auf sich selbst befeuern. Eine solche Kaskade wird im besten Fall zum Aufschubsdrang, im schlimmsten Fall zu Hass und noch mehr Fremdenfeindlichkeit führen. Und das unschuldige Kind Alyan zusammen mit der humanitären Katastrophe, zu deren Symbol sein unerträglicher Tod geworden ist, werden nicht nur vergessen werden, sondern möglicherweise auch die Geister zurückrufen, die wir längst begraben glaubten. Dies könnte pessimistisch, ja sogar extrem klingen. Ich fordere die Staatsmänner Europas dazu auf, mich eines Besseren zu belehren.

          Ein trauriger Rekord

          Wir gehen durch Krisenzeiten. Der Nahe Osten und Nordafrika sind in Aufruhr. Millionen werden vertrieben, fliehen vor dem Krieg und vor Verfolgung von weit entlegenen Regionen her. Zum ersten Mal in der Nachkriegszeit hat die Zahl der Flüchtlinge, Asylsuchenden und innerhalb ihrer Landesgrenzen vertriebenen Menschen weltweit 60 Millionen erreicht, ein historischer Rekord.

          Seit seiner Gründung hat Europa mit legaler oder illegaler Einwanderung zu kämpfen. Und, sehen wir es ein, sinnvolle Lösungen waren immer Mangelware. Zudem gewinnen in der anhaltenden Unstimmigkeit diejenigen Stimmen an Bedeutung, die sich für mehr Mauern und Drahtzäune aussprechen. Einige europäische Staatsführer berufen sich sogar auf das Christentum als Schlachtruf, um die Zufluchtsuchenden draußen zu halten.

          Die humanitäre Krise, die sich Tag für Tag und mit jedem unschuldigen ertrunkenen Menschen ausweitet, ist eine Probe für unsere Menschlichkeit wie auch für unseren Anstand. Es ist höchste Zeit für Europa, in den Spiegel zu schauen, über das Spiegelbild ehrlich zu sein und aufzuhören, Dinge aufzuschieben und stattdessen anzufangen, mehr von der Last, die es schultern muss, auf sich zu nehmen.

          Kritik an Europa: der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu am Sonntag in Ankara

          Radikalen Politikern darf man nicht die Möglichkeit bieten, das europäische Volk hinters Licht zu führen. Die Millionen Menschen, seien es Afrikaner oder Asiaten, Muslime oder Christen, Araber oder Kurden, Pakistaner oder Afghanen wandern nicht aus ihrem freien Willen aus. Sie sind aufgrund von Krieg, Streit zwischen Bevölkerungsgruppen, Gewalt, Hungersnöten, Krankheiten und Diskriminierung dazu gezwungen. Sie brauchen unsere Hilfe. Und denen in Not zu helfen ist eine moralische Pflicht für alle zivilisierten Gesellschaften, unabhängig von ihrer Rasse, ihrer Religion oder ihrem Glauben. Und wenn Anstand nicht Grund genug ist, um diese Situation menschenwürdig zu bekämpfen, dann sollte jeder wissen, dass auch die höchste Mauer oder der schärfste Stacheldraht diese Welle nicht mehr aufhalten werden. Wir brauchen sinnvolle, menschliche und nachhaltige Lösungen, und wir brauchen sie jetzt sofort.

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