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Flüchtlingskrise : Im griechischen Lagerhaus der Seelen

Flüchtlinge laufen auf einer Schnellstraße in Richtung der griechisch-mazedonischen Grenze Bild: Reuters

Griechenland wehrt sich dagegen, in der Flüchtlingskrise alleingelassen zu werden – und hält das zuvor so verhasste Deutschland von Angela Merkel plötzlich nicht mehr für das Böse. Wie ist es dazu gekommen?

          Ältere Leser werden sich noch erinnern: Giannis Varoufakis war einst Finanzminister Griechenlands. Das ist schon mehr als sieben Monate beziehungsweise eine gefühlte Ewigkeit her, doch die Sprüche des ranken Athener Popidols sind unvergessen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Wie sein Ministerpräsident Alexis Tsipras, der als Oppositionsführer im Wahlkampf sowie als frischgebackener Regierungschef gefordert hatte, Europa müsse den „zerstörerischen Merkelismus“ überwinden, drosch Varoufakis rhetorisch gern auf die deutsche Kanzlerin, ihren Finanzminister Wolfgang Schäuble und die vermeintlich antidemokratische Dominanz der Berliner Spargermanen ein. Anno 2016 aber spricht Varoufakis so: „Die einzige Person, die mich stolz macht, Europäer zu sein, ist Angela Merkel.“

          Nur lobende Worte über die Kanzlerin

          Nun kann sich Varoufakis solch mutige Sprüche, für die er vor einem Jahr noch an der nächsten Athener Straßenkreuzung grundreformiert worden wäre, ohne Schaden für den Fortgang seiner politischen Karriere leisten, denn er ist Privatier und hat keine mehr. Doch auch von aktiven Politikern im „Bündnis der radikalen Linken“ (Syriza), das einst seinen Daseinszweck zu einem guten Teil daraus bezog, Merkel für alle Übel dieser Eurozone verantwortlich zu machen, sind seit einiger Zeit nur lobende Worte über die Kanzlerin zu hören.

          Keine noch so skrupellose Athener Boulevardzeitung käme mehr auf den Gedanken, Angela Merkel in SS-Uniform vor den Toren von Auschwitz abzubilden, wie auf dem Tiefpunkt des deutsch-griechischen Zerwürfnisses geschehen. Im Gegenteil, das linke Blatt „Efimerida ton Syndakton“, das in der Vergangenheit für fast jede Kritik an Berlin zu haben war, stellte am Donnerstag anerkennend fest, Deutschland stehe an der Seite Griechenlands und verwies auf ein Telefongespräch zwischen Tsipras und Merkel, in dem dieser Umstand bestätigt worden sei. Allenfalls Wolfgang Schäuble konnte in der griechischen Wahrnehmung seine Stellung als Bösewicht behaupten.

          Der Grund für die Kursänderung ist die Flüchtlingskrise. Während EU-Staaten wie Österreich und Ungarn Griechenland ausschließen und durch den Versuch einer weitgehenden Abriegelung der mazedonischen Südgrenze seinem Schicksal überlassen wollen, hat die Bundesregierung in dieser Krise bisher zu Athen gehalten. Als Folge davon ist in der griechischen Öffentlichkeit schon seit Monaten ein Wandel zu bemerken, und bei Bürgern mit Neigung zu übersichtlichen Weltbildern auch eine gewisse Verwirrung: Die Deutschen, waren das nicht die Bösen? Wie passt das damit zusammen, dass ausgerechnet Deutschland die Griechen nun nicht im Stich lässt? Und hatte nicht im Gegenteil der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann in der Euro-Krise immer wieder Verständnis für die Griechen bekundet?

          „Deutschland hat Europa zusammengehalten“

          Am besten hat den Wandel wohl Giannis Mouzalas auf den Punkt gebracht. Griechenlands Migrationsminister ist zwar kein Syriza-Mitglied, doch seine unlängst geäußerten Worte über Angela Merkel drücken eine Sichtweise aus, die so ähnlich auch von vielen Syriza-Politikern zu hören ist. „Deutschland hat in dieser Krise Europa zusammengehalten und dazu beigetragen, dass dieses Europa der Aufklärung nicht ins Mittelalter zurückgefallen ist“, sagte Mouzalas im Januar in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ und schlussfolgerte: „Das ist vor allem der Politik von Frau Merkel zu verdanken.“

          Umso schärfer gehen die Griechen insbesondere mit Österreich und Ungarn ins Gericht. Seine Regierung werde nicht hinnehmen, „dass Griechenland dauerhaft in ein Lagerhaus der Seelen umfunktioniert wird, während wir zugleich in Europa und bei den Gipfeltreffen so weitermachen, als sei nichts geschehen“, hatte Tsipras am Mittwochabend im Parlament gesagt. Er deutete dabei zugleich sinngemäß an, dass Griechenland seine Vetomacht in der EU nutzen werde, bis eine gerechte „Verteilung der Verantwortung“ (also der Flüchtlinge) in Europa gesichert sei. Das Österreich alle Staaten der Balkanroute außer Griechenland zu einem Grenzschließungsgipfel in Wien eingeladen hatte, bezeichnete Tsipras als nicht akzeptabel.

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