https://www.faz.net/-gpf-89my3

Norbert Blüm : Auf Angela Merkel bin ich stolz

  • Aktualisiert am

Menschlichkeit gezeigt: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Anfang September in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Berlin. Dass sie dort Selfies mit Flüchtlingen zuließ, sorgte für Kritik. Bild: dpa

Er war nie einer ihrer Parteigänger, doch in der Flüchtlingskrise springt Norbert Blüm der Kanzlerin bei: Sie habe Menschlichkeit gezeigt, schreibt der frühere Bundesarbeitsminister. Um eine Union, die sie dafür zu Fall brächte, stünde es schlimm. Ein Gastbeitrag.

          Ich war nie in der Gefahr, Mitglied des Angela-Merkel-Fanclubs zu werden. Als sie in ihren programmatischen Reden als neue Parteivorsitzende die Gerechtigkeit zur Fairness verniedlichte, also das fundamentale Prinzip zu einer Verhaltensregel degradierte, und dazu noch auf dem Leipziger Parteitag die Kopfpauschale für die soziale Krankenversicherung vorschlug, war für mich der Höhepunkt der neoliberalen Verirrung meiner Partei erreicht. Uns trennten Welten!

          Jetzt aber fühle ich mich gefordert, an ihre Seite zu treten und sie mit ganzer Kraft zu unterstützen. Ich bin nämlich nicht taubstumm und höre das Grummeln und Nörgeln in meiner Partei. Merkels Flüchtlingspolitik stößt in der CDU und erst recht in der CSU auf erheblichen Widerstand.

          Was hätte Merkel anderes tun sollen?

          Dabei hat Merkel nur getan, was eigentlich selbstverständlich ist, nämlich Menschen aus der Not zu retten. Alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung gewesen. Man muss nicht besonders fromm sein, um das für richtig zu halten. Es genügt, sich in die Lage der Verzweifelten zu versetzen, die von ungarischen Polizisten entweder ausgesperrt oder durchgewunken wurden. In keinem Fall aber aufgenommen worden waren, wie es menschliche Pflicht und europäisches Recht verlangten.

          Merkel machte die Tore auf. Was hätte sie anderes tun sollen? Hätte sie die Alten, Kinder, Gebrechlichen, Verzweifelten auf der Autobahn weitermarschieren oder auf den Bahngleisen mit Kinderwagen von Schwelle zu Schwelle hüpfen lassen sollen? Sie muss sich der Menschenfreundlichkeit nicht schämen, und schlimm wäre es um eine CDU bestellt, die sie deshalb zu Fall bringen wollte. Ich war am Abend, als die Flüchtlinge in München von hilfsbereiten Menschen empfangen wurden, stolz auf mein Land und voller Respekt für eine Bundeskanzlerin, die richtig „getickt“ hatte.

          Merkel hat weder die Flüchtlinge eingeladen, noch ihr Kommen ausgelöst. Massen von Flüchtlingen gab es schon, bevor Merkel überhaupt den Mund aufgemacht hatte. Die Menschen fliehen vor islamischen Kopfabschlägern, vor Assads Fassbomben, vor einer syrischen Regierung, die Giftgas einsetzt. Es ist pure Lebensrettung, dass die Geschundenen Hab’ und Gut und ihre Heimat verlassen.

          Die Flüchtlingsfrage ist die Nagelprobe Europas

          Das beste Erbstück des alten Kontinents Europa ist die Idee von der Würde des Menschen. Der erste Satz unserer Verfassung ist auch ihr schönster. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Er heißt nicht: Die Würde der Deutschen ist unantastbar. Deshalb ist die Flüchtlingsfrage auch die Nagelprobe Europas. An seiner Humanität, nicht am Bruttosozialprodukt wird Europa gemessen. Wir haben uns diese Schicksalsfrage nicht ausgesucht.

          Für die CDU stellt sich – ob gewollt oder nicht – die Flüchtlingsfrage als ihre Gewissensfrage: Wie hältst Du es mit dem ,C‘ im Parteinamen? Ist es bloß eine Dekoration oder ein Imperativ?

          Auf die Fangfrage eines Schriftgelehrten: „Wer ist Dein Nächster?“ antwortet Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Nächste ist der, „der unter die Räuber fiel“. Wer in Not ist, ist mein Nächster! So enttäuscht Jesu alle Ideologen, die geantwortet hätten: Mein Nächster ist mein Glaubensbruder, mein Volksgenosse, mein Klassenkämpfer“ und so weiter.

          Das Programm der Nächstenliebe ist kein trauriges Projekt. Die Helfer auf dem Münchener Bahnhof, die Decken und warme Suppen an Flüchtlinge verteilten, machten – jedenfalls, soweit ich sehen konnte – glücklichere Gesichter als die Abgasbetrüger von VW und die Fußball-Schieber der Fifa.

          Polen verrät seine besten Traditionen

          Vielleicht ist es eine Ironie der Geschichte, dass sich für die Partei, der ich seit über 60 Jahren angehöre, die gleiche Schicksalsfrage stellt, wie für die Staaten Europas: Wie haltet ihr es mit den Flüchtlingen?

          Für Viktor Orbán schäme ich mich. Er spricht über die Flüchtlinge, als wollten die Ungarn noch einmal die Schlacht auf dem Lechfeld schlagen. Sein Zynismus ist eine Schande ausgerechnet für ein Land, das 1989 als erstes den Eisernen Vorhang durchlöcherte.

          Über die Polen wundere ich mich. „Solidarnosc“ war das Fanal, mit der die Polen die waffenstrotzende Sowjetunion in die Knie zwangen. „Europa“ war der Ruf, mit dem sich das Land dem Ostblock entwand. Angekommen in der Freiheit, fällt es nun zurück in den Nationalismus, dessen Opfer es in der Geschichte so oft war. Polen geht auf Gegenkurs zur europäischen Solidarität und verrät damit seine besten Traditionen.

          Und wo ist eigentlich die sozialistische Internationale? Sie singt schöne Lieder.

          Auf Angela Merkel bin ich stolz.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Trumps Tweets kommen ins Satire-Museum Video-Seite öffnen

          Besondere künstlerische Note : Trumps Tweets kommen ins Satire-Museum

          Anlässlich des 73. Geburtstags von Donald Trump hat die Nachrichtensatire "The Daily Show" dem Präsidenten eine interaktive Ausstellung in Washington gewidmet. Mit einem der humoristischen Gebiete seiner Präsidentschaft: Seinen Tweets.

          Auslieferungsgesetz gestoppt Video-Seite öffnen

          Erfolgreiche Demonstrationen : Auslieferungsgesetz gestoppt

          Es ging um mehr als nur ein Gesetz. Für die Bevölkerung in Hongkong ging es vor allem um die (Meinungs-)Freiheit, die durch potentielle Auslieferungen an China gefährdet gewesen wäre. Umso größer ist jetzt der Jubel.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.