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Flüchtlinge in Ungarn : „Kein Lager, kein Lager“

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Flüchtlinge am Bahnhof von Bicske in Ungarn. Bild: dpa

Kurz nach der Abfahrt aus Budapest hat die ungarische Polizei einen Zug mit hunderten Flüchtlingen angehalten - offenbar, um sie in ein Flüchtlingslager zu bringen. Beobachter sprechen von chaotischen Szenen vor Ort. Und von einem Trick der Behörden. 

          Die ungarische Polizei hat einen in Richtung österreichische Grenze fahrenden Zug mit Flüchtlingen kurz nach der Abfahrt in Budapest wieder angehalten. Wie die ungarische Nachrichtenagentur MTI berichtete, stoppte der Zug in Bicske, rund 37 Kilometer westlich der ungarischen Hauptstadt.

          Offensichtlich spielten sich dort chaotische Szenen ab. Polizisten, Dolmetscher und rund 20 Busse hätten auf die Flüchtlinge gewartet, um sie in das Flüchtlingslager von Bicske zu bringen, meldete MTI. Viele der Flüchtlinge seien aus dem Zug geholt worden, später aber wieder zum Bahnsteig zurückgedrängt worden.

          Wie ein Reporter der „New York Times“ berichtete, teilten die Behörden den Flüchtlingen mit, sie müssten den Zug verlassen und im Lager Bicske einen Asylantrag stellen. Andernfalls würden sie verhaftet. Weiterhin sei ihnen gesagt worden, dass sie sich nach einer Registrierung in Ungarn frei bewegen könnten.

          Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge schlugen Flüchtlinge im Zug gegen die Fenster und riefen „Kein Lager, kein Lager“. Außerdem habe die Polizei Flüchtlinge festgenommen, die sich auf die Gleise gelegt hatten, um gegen ihren Transport in ein ungarisches Auffanglager zu protestieren. Dutzende Menschen seien geflohen. Nach Angaben von Journalisten vor Ort verließen andere Flüchtlinge am Nachmittag den Zug und stiegen in einen Bus. Viele weigerten sich allerdings, auszusteigen.

          Die Polizei erklärte den Bahnhof im Budapester Vorort Bicske zum Einsatzgebiet. Alle Medienvertreter wurden zum Verlassen aufgefordert.

          Die Flüchtlinge waren am Vormittag am Budapester Ostbahnhof in den Zug gestiegen. Ziel war die ungarische Grenzstadt Sopron. Zuvor hatte die ungarische Eisenbahngesellschaft MAV erklärt, es gebe bis auf weiteres keine direkten Züge von Budapest nach Westeuropa.

          Auch ein zweiter Zug, der vom Budapester Ostbahnhof in Richtung Sopron abgefahren war, sei voller Flüchtlinge gewesen, berichtete das Nachrichtenportal index.hu. Etliche Menschen seien aber noch abgesprungen, bevor der Zug losgefahren war, weil durchgesickert sei, dass sie auch mit diesem Zug nach Bicske gebracht werden sollten.

          Ein freiwilliger Helfer am Ostbahnhof, Marton Bisztrai, kritisierte die ungarischen Behörden scharf. „Ich denke, das war ein Trick der Regierung, der Polizei und der Bahngesellschaft, der Zug sah so aus, als würde er nach Deutschland fahren“, sagte er AFP. „Sie wollen auf Teufel komm' raus die Leute hier weg haben und in Lager bringen. Ich denke, das war ein sehr zynischer Trick.“

          Auf dem Bahnsteigen in Budapest warten nach wie vor Hunderte Flüchtlinge auf eine Weiterreise. Der Bahnhof war seit Dienstag für Flüchtlinge gesperrt. Nachdem die Polizei die Kontrollen am Montag aufgegeben hatte, hatten mehrere tausend Flüchtlinge die Züge gestürmt und waren nach Wien und München weitergereist. Am Dienstag hatten die ungarischen Behörden den Bahnhof dann geräumt. Seither ließen sie keine Migranten mehr in das Gebäude.

          Der ungarische Ministerpräsident Victor Orbán ist unterdessen in Brüssel, um über die Flüchtlingskrise zu beraten. Nach einem Treffen mit EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sagte er: „Das ist kein EU-Problem, sondern ein deutsches Problem.“

          Junge Flüchtlinge kämpfen am Budapester Bahnhof buchstäblich um einen Platz im Zug. Bilderstrecke

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