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Flüchtlinge in Rosenheim : Der ganz normale Ausnahmezustand

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Haben die Grenzkontrollen nichts genutzt? Verzweifeln die Beamten der Bundespolizei in Rosenheim? Keine Spur. Rainer Scharf ist die Ruhe in Person, als er mit viel Geduld zeigt und erklärt, wie die Registrierung von immer mehr Flüchtlingen reibungslos funktioniert. Die Kontrollen haben nicht die Zahl der Einreisenden verringert. Aber die Ströme lassen sich leichter steuern. Mit den Österreichern hat man vereinbart, dass immer nur 50 Flüchtlinge in einen der Regionalzüge von Kufstein nach Rosenheim gelassen werden. Die kommen allerdings stündlich in der bayerischen Stadt an. Zwanzig Mal am Tag. Tausend Menschen an nur einem Teil der 645 Kilometer langen Grenze.

Foto mit einem Pappschild, auf dem die Nummer des Zuges steht

Kommt man selbst mit dem Zug in Rosenheim an, vormittags an einem ganz normalen Wochentag, so kann es passieren, dass man nichts sieht, was auf einen Ausnahmezustand schließen lässt. Nur ein großes Zelt steht auf dem Bahnhofsvorplatz. Sonst sieht es aus wie an jedem vergleichbaren Bahnhof in Städten dieser Größe. Menschen, die äußerlich erkennbar Migranten sind? Ja, aber nicht auffallend viele. Erscheint man kurz darauf wieder, wenn ein Zug angekommen ist aus Kufstein, dann sieht es anders aus. In zwei Reihen stehen die jungen Männer, die Mütter und Väter mit ihren Kindern in einer Ruhe und Diszipliniertheit, dass jede Lehrerin neidisch werden müsste.

Im Gänsemarsch geht es ins Zelt. Dort bekommt jeder Flüchtling ein farbiges Band um den Arm, dessen Entsprechung sich an seinem Gepäckstück findet. Eine erste Durchsuchung sorgt dafür, dass niemand etwas dabei hat, was später für Ärger sorgen könnte. Auch eine erste gesundheitliche Versorgung ist möglich. Jeder wird befragt, antwortet nach seinen sprachlichen Möglichkeiten. Siehe oben. Dann macht ein Bundespolizist vor einer weißen Plane ein Foto von jedem Neuankömmling. Der muss ein Pappschild vor sich halten, auf dem die Nummer des Zuges steht, mit dem er gekommen ist. Die Fingerabdrücke werden genommen. Es gibt zu essen und zu trinken. Auch einen Wickeltisch.

Nach wenigen Stunden ist alles vorbei

Der Achtzehnjährige in der roten Lederjacke, das Kleinkind, das auf dem Biertisch balancierte, und die Menschen um sie herum sind fertig. Draußen stehen Busse mit verdunkelten Scheiben. Diejenigen Flüchtlinge, die schon im Zelt registriert wurden, fahren in eine Erstaufnahmeeinrichtung, zum Beispiel nach Erding. Diejenigen, bei denen noch nicht alles erledigt ist, kommen in die Dienststelle der Bundespolizeiinspektion, in der Rainer Scharf seinen Schreibtisch hat. Dort ist dieselbe Infrastruktur wie im Zelt, nur größer, noch einmal vorhanden. Es gibt feste Gebäude, Container, eine Turnhalle, in der etliche Dutzend Feldbetten Gelegenheit zum Ausruhen geben.

Die Einrichtung zu medizinischen Untersuchungen ist größer und besser als am Bahnhof. Auch hier können in einem Zelt Fingerabdrücke genommen werden. Wenn jemand schon mal im Computersystem der Polizei aufgetaucht ist, wird das sofort erkannt. So etwas kommt vor. In der ehemaligen Kleiderkammer der ehemaligen Kaserne, einem mehrstöckigen Gebäude, erfolgt die zeitaufwendigere Prüfung, ob jemand schon in einem anderen EU-Land Asyl beantragt hat.

Wenn das alles vorbei ist, sind die Flüchtlinge in Deutschland registriert. Sie bekommen ein Dokument, das das belegt. Sie steigen wieder in Busse. Manche sind von der Bundespolizei, manche von der Bundeswehr, manche von privaten Unternehmen. Die Scheiben sind verdunkelt. Die Menschen werden zum Bahnhof zurückgebracht und machen sich auf den Weg zu der Erstaufnahmeeinrichtung, zu der sie sich begeben müssen, sei es in Bayern, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen oder andernorts. Dort werden die meisten von ihnen Asyl beantragen. In Rosenheim sind die Menschen meistens nur wenige Stunden. Für sie ist es ein kurzer Verwaltungsakt, für die Behörden ist es eine gigantische Leistung. Offenbar schaffen sie es aber. Über die Aussichten auf eine gelungene Integration sagt das noch nichts.

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