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Flüchtlinge in München : „Das schaffen wir“

  • -Aktualisiert am

Herzlicher Empfang: Flüchtlinge und Münchner am Hauptbahnhof Bild: dpa

Jeden Tag kommen derzeit Tausende Flüchtlinge in München an. Es ist erstaunlich, wie gelassen die Stadt deren Aufnahme bewältigt.

          Spät am Montagabend kommt wieder ein Zug aus Budapest. Hunderte Flüchtlinge steigen aus und stehen zunächst zögernd auf dem Bahnsteig. Viele Familien mit kleinen Kindern, zum Teil Säuglinge auf dem Arm. Einige Menschen sind in Decken gehüllt. Sie werden von der Polizei und von Ehrenamtlichen routiniert und fast ohne Worte in Richtung der provisorischen Notaufnahmestelle im Nordteil des Münchner Hauptbahnhofs geführt.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Nebenan haben die ehrenamtlichen Helfer einen Informationsstand aufgebaut, um den sich fortwährend ein paar Leute drängen. Ein Pizzabote reicht immer wieder kostenlos Essen über die Absperrung. Eine Frau bringt eine Tüte voller Turnschuhe, darf sie aber nicht abgeben. Es wurde schon zu viel gespendet. Sämtliche Lager seien in München voll. „Am besten noch zwei Wochen warten“, sagt ein ehrenamtlicher Mitarbeiter. Eine Mutter trägt mit ihrem Sohn eine Kiste voller Kinderschuhe heran, auch sie werden abgewiesen.

          Tagsüber stehen hier viele Münchner. Manche wollen nur die Flüchtlinge beim Ankommen sehen. Einige brechen in Tränen aus. Viele Klatschen, andere haben Schilder dabei: „Welcome to Germany“. Wieder andere fragen, ob sie selbst helfen können. Es sind mehr als Tausend Ehrenamtliche, die sich eine Liste eingetragen haben. Tagsüber ist die Schlange derjenigen, die hier anstehen, um sich zu engagieren, lang.

          Notunterkunft in der Münchner Messe

          An diesem Abend aber fehlen plötzlich Helfer. Zehn Leute haben sich eingetragen, um die Nachtschicht in der provisorischen Unterkunft in einer Messehalle in Riem zu übernehmen – und sind nicht erschienen. Wer sei bereit, spontan zu helfen, ruft eine junge Frau in die Ankunftshalle. Einige Leute drängen nach vorn, erhalten einen Zettel mit der Adresse in Riem und einer Telefonnummer für den Notfall. Um kurz vor elf Uhr nachts ziehen sie ohne viele Worte los. Die Nachtschicht wird bis acht Uhr morgens gehen. Sie werden in einer Messehalle stehen und Kleiderspenden sortieren. Einige müssen am Morgen dann zur Arbeit.

          „München leuchtet“, heißt es in diesen Tagen, an denen täglich Tausende Flüchtlinge am Hauptbahnhof ankommen, immer wieder. Es sind historische Tage, dessen sind sich Einsatzkräfte aber auch Helfer bewusst, und am erstaunlichsten ist wohl vor allem, wie gelassen diese Stadt die Aufnahme der vielen Flüchtlinge bewältigt.

          Am Wochenende kamen in München nach Angaben einer Sprecherin der Regierung von Oberbayern rund 20.000 Flüchtlinge an. Allein am Sonntag habe München eine Kleinstadt aufgenommen, sagt ein Polizeisprecher. Am Montag dann nochmals mehr als 4000 Flüchtlinge. Und auch für diesen Dienstag werden wieder viele erwartet.

          Zuletzt wurden etliche Sonderzüge aus Österreich direkt in andere Bundesländer weitergeleitet. Etwa ins thüringische Hermsdorf. Ob dort die Flüchtlinge ähnlich freudig empfangen wurden? In München hat sich die Situation seitdem etwas entspannt, auch wenn die Stadt weiter im Krisenmodus ist.

          „Wir sind an der Belastungsgrenze“, heißt es von der Regierung von Oberbayern am Montagnachmittag. Nun hoffe man, dass eine weitere „Drehscheibe“, über die die ankommenden Flüchtlinge auf Deutschland verteilt werden, die Stadt entlaste. Leipzig soll dies den Angaben zufolge werden. Bis dahin werden die Flüchtlinge, nachdem sie am Münchner Bahnhof Essen, Kleider sowie eine medizinische Untersuchung erhalten haben, mit Bussen weitergefahren. In andere Bundesländer, Regierungsbezirke oder in Notunterkünfte in der Stadt.

          Auch dort sind Helfer aktiv. Etwa in dem großen Hinterhof einer ehemaligen Autowerkstatt in der Nähe des Hauptbahnhofs. Hier wurde über Nacht eine Unterkunft für 360 Flüchtlinge errichtet. „Isomatten-Annahme“ steht auf einem Zettel am Eingang, aber es bringen so viele Menschen Decken und Isomatten vorbei, dass die Polizei irgendwann über Twitter bittet, nichts mehr zu spenden. Drinnen im Vorraum sortieren junge Frauen riesige Kleiderberge. Flüchtlinge kommen und gehen und nehmen sich Jacken, Decken, Hemden mit. Im Hof spielen Flüchtlingskinder Fußball.

          Jeder, der eine medizinische Überprüfung hinter sich hat, trägt ein gelbes Bändchen. In Containern gibt es Waschmöglichkeiten, in einem großen Zelt wird Essen ausgegeben und in den Räumen nebenan stehen Betten. Immer ein Stockbett mit Spind davor. Vor dem Eingang stehen zwei Polizisten, auch Mitarbeiter der Stadt sind engagiert, aber den Großteil der Arbeit übernehmen Ehrenamtliche. Ein junger Mann erzählt, er habe sich extra Urlaub genommen.

          In München fragt man sich zur Zeit stets, was passiert, wenn dieser Ausnahmezustand anhält. Doch unter den Ehrenamtlichen herrscht Optimismus. Es meldeten sich weiter so viele freiwillig, berichtet Collin, der eine Art Pressesprecher der Helfer ist. Und überhaupt – ob das denn wirklich so viele Flüchtlinge sind, fragt er. In Deutschland gebe schließlich  80 Millionen Einwohner. In der Relation und nach einer Verteilung seien das gar nicht mehr so viele. „Das schaffen wir.“

          Manche Ehrenamtliche sind an der Grenze der Belastbarkeit angelangt, einige von ihnen arbeiten nach eigenen Angaben seit 18 Stunden. Alle tragen Warnwesten, manche von der Feuerwehr, andere haben mit Filzstift etwas darauf geschrieben. Die Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften und den medizinischen Helfern laufe einwandfrei, sagen alle. Anfangs hätten sich zwar einige Helfer mit der Polizei angelegt, berichtet ein junger Mann in gelber Weste. Aber die habe man gleich wieder rausgeschmissen. Es gehe doch um die Flüchtlinge.

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