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Flüchtlinge in Griechenland : Grenze, öffne dich!

Im Hafen von Piräus: Schlange stehen für einen Becher heißen Tee Bild: Daniel Pilar

Die Balkanroute nach Deutschland ist geschlossen. Trotzdem kommen jeden Tag neue Flüchtlinge in Athen an. Umkehren wollen sie auf keinen Fall. Obwohl es vielen von ihnen in ihrer alten Heimat gar nicht so schlecht ging.

          8 Min.

          Es ist zehn Uhr am Vormittag, die Turmuhr am alten Silo im Hafen von Piräus spielt zur vollen Stunde „Ein Schiff wird kommen“. Und weil tatsächlich gerade eines kommt, wird Raffaele Schiassi gleich alle Hände voll zu tun haben. Die „Diagoras“ legt an, mit Passagieren von Rhodos, Kos und anderen Inseln an Bord. Mehr als die Hälfte der Reisenden sind Migranten, und für einige von ihnen hat Raffaele Schiassi eine wichtige Nachricht.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          „Syrer und Iraker können umgesiedelt werden, wenn sie sich registrieren lassen“, sagt der Italiener, der für das Europäische Asylunterstützungsbüro arbeitet, kurz: Easo, eine Behörde der EU mit Sitz in Valletta. Schiassi trägt Flugblätter bei sich, auf Arabisch und in zwei Dialekten des Kurdischen, die er gleich unter den Ankommenden verteilen wird. Dort ist das Prozedere beschrieben, nach dem Menschen, sofern es Syrer oder Iraker sind, von Griechenland aus in einen anderen Staat der EU umgesiedelt werden können.

          Für Analphabeten ist es zur Sicherheit noch einmal aufgemalt: Eine Europakarte zeigt sechs große Pfeile, die von Griechenland aus in westliche und nördliche Richtung weisen. Nach Spanien, Frankreich, Deutschland, Polen, Schweden und Litauen. Das bedeute natürlich nicht, dass nur diese Länder an dem Umsiedlungsprogramm beteiligt seien, die Zeichnung sei bloß ein Symbolbild, erklärt Herr Schiassi.

          Doch ist das Bild realistisch? Schon im vergangenen Jahr beschloss die EU per Mehrheitsentscheidung, also durch Überstimmung einzelner Mitglieder, ein Programm für die Umsiedlung von 160.000 Migranten aus Griechenland und Italien in andere Mitgliedstaaten. Bisher war das Programm ein Desaster. Kaum tausend Menschen wurden umgesiedelt. Jetzt solle aber alles besser werden, versichert Raffaele Schiassi: „Wir wurden davon in Kenntnis gesetzt, dass die Umsiedlung nun sehr rasch stattfinden soll. Früher war von zwei Monaten die Rede, jetzt soll es um Tage gehen.“

          Herr Wardak macht schweigend kehrt

          Wer sich registrieren lasse, werde zur griechischen Asylbehörde gebracht. Da hat Easo eigene Leute, die mit den Griechen kooperieren, „damit Anträge schnell bearbeitet und die Menschen innerhalb eines Tages registriert werden“, sagt Schiassi. Danach sollen die Registrierten für einige Nächte eine Notunterkunft in Griechenland beziehen, bevor sie in einen europäischen Staat ausgeflogen werden, der sich zu ihrer Aufnahme bereiterklärt hat. Auf diese Weise soll die unkontrollierte Einwanderung nach Europa gebändigt und die Last zudem gleichmäßig auf alle europäischen Staaten verteilt werden.

          So weit die Theorie. Am Kai E im Hafen von Piräus wird der freundliche Herr Schiassi gleich, wenn die „Diagoras“ ihre menschliche Ladung ausgespuckt hat, auf die Praxis treffen, unter anderem in Gestalt von Herrn Wardak. Herr Wardak ist Oberhaupt einer afghanischen Großfamilie aus Mazar-i-Scharif, die auf dem Weg nach Deutschland ist. Ratlos blickt er auf die Zettel des europäischen Asylbüros, die er nicht verstehen kann. Er bittet um eine Version auf Farsi, doch Raffaele Schiassi verneint. „Auf Farsi gibt es das nicht. Für Afghanen gilt das Umsiedlungsprogramm nicht.“

          Herr Wardak macht schweigend kehrt, als ihm diese Sätze übersetzt werden, während Raffaele Schiassi weitere Fragen beantworten muss. Nein, erklärt er einem Syrer, niemand könne entscheiden, in welches Land er umgesiedelt werde. „Sie bewerben sich um Asyl in Europa, nicht in einem bestimmten Land.“ An diesem Morgen, wird Herr Schiassi später berichten, hätten die meisten Menschen diese Nachricht durchaus gefasst aufgenommen.

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