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Junge Flüchtlinge : Jetzt oder nie

  • -Aktualisiert am

Auch für Dortmund ein Glücksfall: Deutschkurs im „Haus Wittbräucke“ Bild: Edgar Schoepal

Nach Deutschland kommen immer mehr jugendliche Flüchtlinge. Viel wird unternommen, sie zu integrieren. Denn wenn es hier nicht gelingt, wo dann?

          6 Min.

          Das stattliche Jugendstil-Heim an der Wittbräucker Straße in Herdecke sieht nicht aus wie eine Notlösung. In der bisher von der sozialdemokratischen Jugendorganisation „Falken“ genutzten Bildungsstätte gibt es einen großen Speisesaal, Zimmer auf Jugendherbergsniveau, Tischtennisplatten, Kicker und einen Kraftraum. „Haus Wittbräucke“ ist ein Glücksfall für die beiden 16 Jahre alten syrischen Jungen Omar und Ahmed. Beide sind von ihren Familien in ein erhofftes neues Leben vorgeschickt worden, weil nicht genügend Geld da war, um die Schlepper auch für die Flucht ihrer Eltern und Geschwister zu bezahlen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nun sitzen Omar und Ahmed – beide noch hochsommerlich mit T-Shirt, kurzer Hose und Badeschlappen bekleidet – im Besprechungsraum von „Haus Wittbräucke“ und erzählen von ihrem langen Weg, den Strapazen und Gefahren. Ahmed legte die Strecke von der Türkei nach Griechenland über das Meer mit ein paar Dutzend weiteren Flüchtlingen in einem Schlauchboot zurück. Die Schlepper hatten ihnen gezeigt, wie sie ihre Mobiltelefon in Luftballons und danach noch zur Sicherheit in Plastiktüten verpacken. Die Geräte seien das Allerwichtigste, hatten die Schlepper gesagt. Und auch dass sie ihr Boot beizeiten zerstechen sollen, um die Küstenwache zu zwingen, sie zu retten. Dreieinhalb Stunden war der Junge dann im Wasser, bis Hilfe kam. „Wir sind sehr froh, hier zu sein“, sagt Omar und lächelt schüchtern.

          „Drehscheibe“ für Verteilung von Flüchtlingen

          „Haus Wittbräucke“ ist auch für Dortmund ein Glücksfall. Die Stadt muss sich in diesen Wochen und Monaten um immer mehr besonders schutz- und zuwendungsbedürftige, häufig traumatisierte jugendliche Flüchtlinge kümmern, die ohne Angehörige auf der Flucht waren. In der Großstadt im Norden des Ruhrgebiets kommen schon seit langem besonders viele Flüchtlinge an. Denn in Dortmund gibt es schon seit Jahren eine Erstaufnahmeeinrichtung des Landes. Seit der Zustrom Anfang September noch einmal zunahm, ist Dortmund zudem eine sogenannte „Drehscheibe“, um Flüchtlinge möglichst rasch auf Kommunen im ganzen Land zu verteilen. All das führt dazu, dass auch immer mehr minderjährige unbegleitete Flüchtlinge – im Amtsjargon kurz UMF genannt – Dortmund erreichen. Wie die Jugendämter vieler anderer deutscher Großstädte ist auch die Sozialverwaltung in Dortmund längst an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gekommen. „Bei gleichbleibend hohen Flüchtlingszahlen wird es gar nicht mehr gelingen können, die Kinder und Jugendlichen in geeigneten Einrichtungen unterzubringen“, sagt die Dortmunder Schul- und Jugenddezernentin Daniela Schneckenburger.

          Nach geltendem Recht müssen unbegleitete Minderjährige an jenen Orten in Obhut genommen werden, an denen sie sich bei den Behörden melden oder aufgegriffen werden. Besonders betroffen sind Verkehrsknotenpunkte wie München, Berlin, Köln und Hamburg mit vergleichbarer Funktion in der aktuellen Flüchtlingskrise wie Dortmund. Trafen 2014 noch rund 11 600 unbegleitete Mädchen und Jungen (und damit 45 Prozent mehr als 2013) in Deutschland ein, waren es allein bis Ende Mai schon weit mehr als 22 000. Die bisherige Regelung führt in Nordrhein-Westfalen dazu, dass sieben Jugendämter beinahe 80 Prozent der minderjährigen Flüchtlinge betreuen.

          In Dortmund mussten die Mitarbeiter von Jugenddezernentin Schneckenburger Anfang des Jahres rund 50 jugendliche Flüchtlinge im Monat in Obhut nehmen, nun sind es Woche für Woche 70. Händeringend sucht die Verwaltung nach Betreuungsplätzen für die Kinder und Jugendlichen, denn Schneckenburger rechnet mit rund 1400 Inobhutnahmen in diesem Jahr. Ein Vorteil ist, dass es in Dortmund viele freie Träger gibt, die zudem untereinander bestens vernetzt sind und so oft in wenigen Tagen Freizeit- und Sportangebote und sogar Sprachkurse anbieten können. Und bisher gelang es noch immer, binnen weniger Stunden neue Plätze für jugendliche Flüchtlinge zu schaffen. Das Unternehmen „Grünbau“ beispielsweise betreut 27 junge Männer unter 18 Jahren in einem von der Stadt Dortmund in aller Eile komplett gemieteten Jugendhostel. Fünfzehn freie Träger sind mittlerweile in Dortmund mit der Betreuung von unbegleiteten Flüchtlingen befasst. Doch bald wisse man nicht mehr, wie man die jungen Leute selbst bei abgesenktem Standard noch jugendgerecht unterbringen solle, klagt Schneckenburger. „Das bisherige System der Inobhutnahme ist einfach nicht für so eine Krise ausgelegt.“

          Großstädte sollen besser entlastet werden

          Wie ihre Amtskollegen in vielen großen Städten setzt auch die Dortmunder Jugenddezernentin große Hoffnungen in eine Gesetzesnovelle. Mitte Juli legte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig den Entwurf eines „Gesetzes zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher“ vor. Wichtigste Neuerung ist, dass es eine bundesweite Aufnahmepflicht der Länder geben wird. Die unbegleiteten Flüchtlinge unter 18 Jahren sollen künftig landesintern auf Jugendämter verteilt werden, um Städte wie München, Köln, Hamburg oder Dortmund möglichst zügig zu entlasten. Dafür müssen die Länder flankierend tätig werden. In Nordrhein-Westfalen ist nach derzeitigem Stand geplant, dass das Landesjugendamt Rheinland die jungen Flüchtlinge an die Jugendämter vermittelt. Allerdings warnen Fachleute, dass es vielerorts in den Jugendämtern noch an Erfahrung mangle.

          Eigentlich sollte das Gesetz zum 1. Januar 2016 in Kraft treten. Doch weil sich die Situation immer weiter zuspitzte und die Jugendämter in den besonders betroffenen Kommunen mit den Inobhutnahmen von minderjährigen Flüchtlingen kaum noch nachkamen, haben sich Bund und Länder nun darauf verständigt, das parlamentarische Verfahren in Bundesrat und Bundestag zu beschleunigen. Die Neuregelung soll nun schon im November gelten. „Ich hoffe sehr, dass die Zusage auch gehalten wird, wir sind wirklich darauf angewiesen, dass das neue Gesetz schnellstmöglich in Kraft tritt“, sagt Dezernentin Schneckenburger. „Diese wichtige Aufgabe kann nicht auf den Schultern einiger weniger Kommunen bleiben, denn die Kapazitäten einiger weniger Städte bei Fachkräften und Objekten reichen für die schnell anwachsende Flüchtlingsgruppe einfach nicht mehr.“

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          In Empfang genommen werden sollen allein reisende Jugendliche unter 18 Jahre aber auch künftig immer noch von dem Jugendamt ihrer Ankunftskommune. Dort sollen nicht nur erste Gespräche mit Psychologen und Sozialarbeitern stattfinden, sondern auch die Altersfeststellung. Auch dafür braucht es erfahrene Leute – wie Jutta Krampe und Ewa Dawid vom Dortmunder Jugendamt. Denn von der Frage, ob jemand tatsächlich noch minderjährig und ohne Begleitung von Eltern oder nahen Verwandten nach Deutschland gekommen ist, hängt letztlich ab, ob er in den Genuss von umfangreichen im Sozialgesetzbuch geregelten Hilfen kommt oder wie alle anderen Asylbewerber in eine Massenunterkunft zurückgeschickt wird.

          Zweifel am Geburtsdatum

          Man braucht für die Aufgabe zunächst einmal Menschenkenntnis“, sagt Krampe. Beispielsweise im Gespräch über die schulische Laufbahn, die Eltern und Geschwister versucht die Jugendamtsmitarbeiterin dann Unstimmigkeiten herauszufinden. „Wenn jemand vorgibt, er sei 14, sei mit sechs eingeschult worden und seit zehn Jahren in der Schule, dann kann das nicht stimmen“, ergänzt Kollegin Dawid. Die meisten Jugendlichen kämen mittlerweile mit Ausweisen oder Pässen. Prüfungen der Dortmunder Ausländerbehörde ergeben regelmäßig, dass die Dokumente in der Regel echt sind. „Aber gerade bei Leuten aus Albanien haben wir doch schon mal Zweifel, ob das Geburtsdatum stimmt“, sagt Krampe. Es komme immer mal wieder vor, dass ihnen sehr reife Personen gegenübersäßen, die erst 13 Jahre alt sein wollen. Manchmal sei auch erst das Familiengericht skeptisch. Dann müssen Jugendliche zur Altersuntersuchung in eine Uniklinik, wo ihr Zahnstatus ermittelt wird. Andere Methoden sind bei den medizinischen Untersuchung die Genital-Vermessung oder das Röntgen des Handwurzelknochens. Diese Methoden sind allerdings nicht nur bei Flüchtlingsorganisationen, sondern auch unter Ärzten umstritten.

          Jutta Krampe und Ewa Dawid und ihre Kollegen haben in diesen Wochen des kontinuierlichen Flüchtlingszustroms alle Hände voll zu tun. Zwei bis drei Teams zur Alterseinschätzung sind mittlerweile täglich nicht nur in der Dortmunder Erstaufnahmeeinrichtung im Stadtteil Hacheney unterwegs. Regelmäßig läutet bei der Nachtbereitschaft das Telefon. „Am Wochenende wurde ich um 4.20 Uhr gerufen, als sich wieder einmal jugendliche Flüchtlinge bei der Polizei gemeldet hatten.“ Rund um die Uhr muss eine Entscheidung darüber möglich sein, ob jemand noch unter 18 Jahren alt ist und deshalb in Obhut genommen werden muss.

          Zugleich entscheidet sich bei der Altersfeststellung, ob der Staat deutlich mehr Geld ausgeben muss als für einen durchschnittlichen Flüchtling. Dortmund kalkuliert für jeden unbegleiteten minderjährigen Flüchtling mit jährlichen Kosten in Höhe von 42 000 Euro, wovon die Stadt nach derzeitiger Rechtslage 95 Prozent erstattet bekommt. Durchschnittlich befinden sich die Jugendlichen dreieinhalb Jahre in der Betreuung des Jugendamts.

          Im Besprechungszimmer von „Haus Wittbräucke“ zeigt Ahmed auf seinem Smartphone Bilder von seinem Heimatdorf in Syrien: Nichts als Zerstörung; Ruine an Ruine. „Die jungen Leute haben Unglaubliches erlebt, zu Hause und unterwegs“, sagt Sozialarbeiter Hamze El Badaoui. Er ist die wichtigste Bezugsperson für die jungen Syrer in der Jugendhilfeeinrichtung, weil er fließend Arabisch spricht. Als El Badaoui drei Monate alt war, flüchteten seine Eltern mit ihm aus dem Libanon nach Deutschland. Auf den Jungs laste eine unglaubliche Verantwortung, sie gäben sich hart und erwachsen, weil ihre Aufgabe sei, in Deutschland voranzukommen und so bald wie möglich irgendwie ihre Familien aus Syrien nachzuholen. Sehr fleißig seien sie beim dreistündigen Deutschkurs, den es im „Haus Wittbräucke“ mittlerweile gibt. „Aber es sind zugleich Jungs, wie Jungs eben in dieser schwierigen Lebensphase so sind“, sagt der Sozialarbeiter. Sie brauchten Zuwendung, Orientierung, eine klare Tagesstruktur und schlicht auch viel Sport und andere Beschäftigung. Auf Arabisch verpasst El Badaoui seinen Schützlingen vom ersten Tag auch einen Werte-Grundkurs, damit sie sich in der deutschen Kultur und Gesellschaft zurechtfinden und nicht für kriminelle Clan-Strukturen oder religiöse Extremisten anfällig werden.

          Auch Jugenddezernentin Schneckenburger argumentiert mit dem Präventionsgedanken. „Wir wollen und müssen den Jugendlichen Bildung und Integration ermöglichen, auch im allgemeinen Interesse“, sagt die frühere Landesvorsitzende der Grünen in Nordrhein-Westfalen. „Die Chancen stehen gut, wenn wir uns diesen Jugendlichen zuwenden. Wenn die Integration aber misslingt, haben wir ein Problem, das uns lange erhalten bleiben wird.“

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