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Junge Flüchtlinge : Jetzt oder nie

  • -Aktualisiert am

Auch für Dortmund ein Glücksfall: Deutschkurs im „Haus Wittbräucke“ Bild: Edgar Schoepal

Nach Deutschland kommen immer mehr jugendliche Flüchtlinge. Viel wird unternommen, sie zu integrieren. Denn wenn es hier nicht gelingt, wo dann?

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          Das stattliche Jugendstil-Heim an der Wittbräucker Straße in Herdecke sieht nicht aus wie eine Notlösung. In der bisher von der sozialdemokratischen Jugendorganisation „Falken“ genutzten Bildungsstätte gibt es einen großen Speisesaal, Zimmer auf Jugendherbergsniveau, Tischtennisplatten, Kicker und einen Kraftraum. „Haus Wittbräucke“ ist ein Glücksfall für die beiden 16 Jahre alten syrischen Jungen Omar und Ahmed. Beide sind von ihren Familien in ein erhofftes neues Leben vorgeschickt worden, weil nicht genügend Geld da war, um die Schlepper auch für die Flucht ihrer Eltern und Geschwister zu bezahlen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nun sitzen Omar und Ahmed – beide noch hochsommerlich mit T-Shirt, kurzer Hose und Badeschlappen bekleidet – im Besprechungsraum von „Haus Wittbräucke“ und erzählen von ihrem langen Weg, den Strapazen und Gefahren. Ahmed legte die Strecke von der Türkei nach Griechenland über das Meer mit ein paar Dutzend weiteren Flüchtlingen in einem Schlauchboot zurück. Die Schlepper hatten ihnen gezeigt, wie sie ihre Mobiltelefon in Luftballons und danach noch zur Sicherheit in Plastiktüten verpacken. Die Geräte seien das Allerwichtigste, hatten die Schlepper gesagt. Und auch dass sie ihr Boot beizeiten zerstechen sollen, um die Küstenwache zu zwingen, sie zu retten. Dreieinhalb Stunden war der Junge dann im Wasser, bis Hilfe kam. „Wir sind sehr froh, hier zu sein“, sagt Omar und lächelt schüchtern.

          „Drehscheibe“ für Verteilung von Flüchtlingen

          „Haus Wittbräucke“ ist auch für Dortmund ein Glücksfall. Die Stadt muss sich in diesen Wochen und Monaten um immer mehr besonders schutz- und zuwendungsbedürftige, häufig traumatisierte jugendliche Flüchtlinge kümmern, die ohne Angehörige auf der Flucht waren. In der Großstadt im Norden des Ruhrgebiets kommen schon seit langem besonders viele Flüchtlinge an. Denn in Dortmund gibt es schon seit Jahren eine Erstaufnahmeeinrichtung des Landes. Seit der Zustrom Anfang September noch einmal zunahm, ist Dortmund zudem eine sogenannte „Drehscheibe“, um Flüchtlinge möglichst rasch auf Kommunen im ganzen Land zu verteilen. All das führt dazu, dass auch immer mehr minderjährige unbegleitete Flüchtlinge – im Amtsjargon kurz UMF genannt – Dortmund erreichen. Wie die Jugendämter vieler anderer deutscher Großstädte ist auch die Sozialverwaltung in Dortmund längst an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gekommen. „Bei gleichbleibend hohen Flüchtlingszahlen wird es gar nicht mehr gelingen können, die Kinder und Jugendlichen in geeigneten Einrichtungen unterzubringen“, sagt die Dortmunder Schul- und Jugenddezernentin Daniela Schneckenburger.

          Nach geltendem Recht müssen unbegleitete Minderjährige an jenen Orten in Obhut genommen werden, an denen sie sich bei den Behörden melden oder aufgegriffen werden. Besonders betroffen sind Verkehrsknotenpunkte wie München, Berlin, Köln und Hamburg mit vergleichbarer Funktion in der aktuellen Flüchtlingskrise wie Dortmund. Trafen 2014 noch rund 11 600 unbegleitete Mädchen und Jungen (und damit 45 Prozent mehr als 2013) in Deutschland ein, waren es allein bis Ende Mai schon weit mehr als 22 000. Die bisherige Regelung führt in Nordrhein-Westfalen dazu, dass sieben Jugendämter beinahe 80 Prozent der minderjährigen Flüchtlinge betreuen.

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