https://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/fluechtlinge-freiwilligendienst-zur-schnelleren-integration-13802747.html

Integration : Flüchtlinge in den Freiwilligendienst

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge sollten im Bundesfreiwilligendienst arbeiten, um die Integration zu beschleunigen. So könnte der Bund auch den Kommunen direkt finanziell helfen, den Flüchtlingsansturm zu bewältigen. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Die vielen Menschen, die derzeit nach Deutschland flüchten, stellen uns vor ganz unterschiedliche Herausforderungen: Akut brauchen die Flüchtlinge Versorgung, Unterkunft, medizinische Betreuung. Mittelfristig müssen die Menschen, die für einen längeren Zeitraum oder dauerhaft in unserem Land bleiben können, integriert werden - das dürfte die mit Abstand größte und bedeutendste Herausforderung sein.

          Auf staatlicher Seite sind hierfür die Kommunen zuständig: Bürgermeister, Landräte, Verantwortliche in den kommunalen Verwaltungen wachsen derzeit in Deutschland an vielen Orten über sich hinaus. Für den Bund stellt sich daher die Frage, wie er die finanziellen Mittel, die dafür benötigt werden, den Kommunen direkt, schnell und ohne Abstriche zukommen lassen kann. Dies ist bisher nicht möglich, denn unsere Verfassung erlaubt keine direkten Finanzbeziehungen zwischen Bund und Kommunen. Sämtliche Mittel müssen den Weg über die Länderhaushalte nehmen. Sie kommen daher oft nicht ungeschmälert an, wie ich aus meinen Erfahrungen mit dem Kita-Ausbau weiß.

          Kristina Schröder ist CDU-Bundestagsabgeordnete und war von 2009 bis 2013 Bundesministerin für Familie, Frauen, Senioren und Jugend.
          Kristina Schröder ist CDU-Bundestagsabgeordnete und war von 2009 bis 2013 Bundesministerin für Familie, Frauen, Senioren und Jugend. : Bild: dpa

          Wir haben aber in Deutschland eine Einrichtung, die etablierte Strukturen bietet, die viele der beschriebenen Probleme lösen könnten: den Bundesfreiwilligendienst. 2011 als Ersatz für den Zivildienst gegründet, ist er ein Erfolgsmodell: Schon nach wenigen Monaten gab es mehr Bewerber als Plätze, bis heute engagieren sich jährlich über 40 000 Frauen und Männer jedes Alters als „Bufdis“ im sozialen, ökologischen oder sportlichen Bereich. Bei der Gesetzgebung für den Bundesfreiwilligendienst haben wir im Bundesfamilienministerium bewusst darauf geachtet, möglichst flexible, an viele Bedarfe anschlussfähige Strukturen zu schaffen. Davon könnten wir jetzt profitieren.

          Flüchtlinge, die länger in Deutschland bleiben können, sollten als Bundesfreiwilligendienstler die Chance haben, dem Land, das ihnen Schutz bietet, etwas zurückzugeben. Diejenigen, die direkt im ersten Arbeitsmarkt unterkommen, sind ohnehin ein Gewinn für unser Land. Aber das werden nicht allzu viele sein. Alle anderen, die arbeitsfähig sind, könnten einen Vertrag über einen Bundesfreiwilligendienst abschließen, zum Beispiel für 18 Monate. In den ersten sechs Monaten absolvieren sie im Rahmen der im Bundesfreiwilligendienst vorgesehenen pädagogischen Begleitung einen Sprachkurs, anschließend treten sie ihren Dienst an der Gemeinschaft an: in Behinderteneinrichtungen und Seniorenheimen, Schulen und Krankenhäusern, kulturellen Einrichtungen und Entwicklungshilfeorganisationen. Und natürlich zur Unterstützung neu ankommender Flüchtlinge - wer sonst wäre da besser geeignet als die Menschen, die einige Monate zuvor selbst völlig neu waren und nun in jeder Hinsicht übersetzen können?

          Der Bund kann den Kommunen helfen

          Die Flüchtlinge werden besonders als Freiwillige in den sozialen Berufen benötigt - und damit auch an einen attraktiven ersten Arbeitsmarkt herangeführt. Vor allem aber: Sie sitzen nicht herum, sondern sie leisten etwas, sie knüpfen soziale Kontakte - Voraussetzungen für das Gelingen der Integration.

          Die Idee, Menschen aus anderen Ländern als Freiwillige in Deutschland zu gewinnen, wird auch bereits erfolgreich praktiziert. Unter dem Dach des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit engagieren sich derzeit mehrere hundert Freiwillige aus Entwicklungsländern im Rahmen des Programms „Weltwärts Süd-Nord“ in Deutschland. Sie leisten ihren Dienst an den Einsatzstellen, an denen sich auch die deutschen Freiwilligen engagieren. Dieses Programm könnte ausgebaut werden, um möglichst vielen Flüchtlingen mit Bleibeperspektive einen Bundesfreiwilligendienst zu ermöglichen. Die gesetzlichen Voraussetzungen sind alle gegeben, wir könnten in wenigen Wochen beginnen.

          Träger dieses Bundesfreiwilligendienstes für Flüchtlinge können die Kommunen sein, finanziert wird er vom Bund. Das heißt: Der Bund kann den Kommunen passgenau und direkt die dringend benötigten Mittel überweisen - ohne Umweg über die Länderhaushalte. Abgedeckt sind Unterkunft, Verpflegung, Sozialversicherung, pädagogische Begleitung (Sprachkurse!) und ein Taschengeld für den Bundesfreiwilligendienstler, also genau die Dinge, die Flüchtlinge benötigen und um deren Finanzierung aktuell gerungen wird.

          Wir erleben gerade bei vielen Flüchtlingen, die vor Krieg geflohen sind oder wirklich politisch verfolgt sind, oft eine glühende Begeisterung für unser Land, für unseren Rechtsstaat und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Ich bin mir daher sicher, dass die große Mehrzahl dieser Menschen eine solche Möglichkeit, persönlich weiterzukommen und sich gleichzeitig für das Land zu engagieren, das ihnen Schutz und Auskommen bietet, dankbar aufgreifen würde.

          Weitere Themen

          EU-Embargo für russisches Öl tritt in Kraft Video-Seite öffnen

          Neue Sanktionen : EU-Embargo für russisches Öl tritt in Kraft

          Im Konflikt mit Russland wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine sind neue EU-Sanktionen in Kraft. Ab sofort gilt ein EU-Embargo für per Schiff transportiertes russisches Rohöl - ebenso wie ein Öl-Preisdeckel der G7- und der EU-Staaten sowie Australiens.

          Topmeldungen

          Als DFB-Direktor mitverantwortlich für die Nationalmannschaft: Oliver Bierhoff

          Nach WM-Debakel in Qatar : DFB und Oliver Bierhoff trennen sich

          Oliver Bierhoff verlässt den Deutschen Fußball-Bund. Der ursprünglich bis in das Jahr 2024 laufende Vertrag mit dem DFB-Direktor wurde vorzeitig aufgelöst. Über die Nachfolge sollen nun die DFB-Gremien beraten.
          Migranten im Oktober 2022 auf den Bahngleisen in der Nähe der Grenze zwischen Serbien und Ungarn.

          EU-Aktionsplan zum Westbalkan : Viel Aktion, wenig Plan

          Die tieferen Ursachen der Migrationswelle über den Balkan haben mit dem Balkan wenig zu tun. Der Aktionsplan der EU-Kommission wird deshalb nicht der letzte gewesen sein.
          Guter Tag für Porsche: VW- und Porsche-Chef Oliver Blume (links) und Porsche-Finanzvorstand Lutz Meschke beim Börsengang Ende September in Frankfurt

          Fast Entry : Porsche steigt in den Dax auf

          Eine sehr gute Kursentwicklung seit dem Börsengang lässt die Porsche AG sogleich in den Dax springen. Nur noch zwei Autohersteller auf der Welt sind wertvoller.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.