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Fluchtziel Deutschland : Das Ende der kleinen, heilen Welt

  • -Aktualisiert am

Platz für Neuankömmlinge: Erstaufnahmestelle für Asylsuchende in Neugraben-Fischbek bei Hamburg Bild: dpa

Die vielen Migranten, die zu uns kommen, stellen unser Lebensmodell in Frage. Der wahre Ausnahmezustand ist womöglich unser seliges Wohlstandsdasein gewesen. Mauern werden es nicht schützen können.

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          Der Rausch ist verflogen, und manchem brummt nun schön der Schädel. Was ist das gerade gewesen? Unser Land, als kühl und rational verschrien, hatte sich einen kurzen Sinnestaumel gestattet, ein kleines Sommermärchen im Frühherbst. Die Kanzlerin, sonst bedächtig bis an die Grenze zur Apathie, hatte mit ihrem Entschluss, die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge ins Land zu lassen, einen Ausflug ins wilde, verwegene Denken gewagt und ihr Volk, ohne dass dies so recht wusste, wie ihm geschah, mitgerissen. Oder hatte das Volk, zumindest jene Teile davon, die mit Willkommensplakaten auf Bahnsteigen standen, die Kanzlerin mitgerissen?

          Auf jeden Fall waren wir Deutschen einen Moment lang Weltmeister der Herzen. Mal nicht bewundert für die Effektivität unserer Maschinen, sondern für Menschlichkeit. Und wo deutsche Politiker sonst stets damit rechnen müssen, in der Weltpresse wahlweise mit Pickelhaube oder Hakenkreuzarmbinde aufzutauchen, war Merkel mit einem Mal ein Engel, eine Heilige, die mitfühlende Mutter. Allerdings – dies immerhin ebenfalls ein neues Bild – auch die Loreley, deren lieblicher Gesang auf dem Titelbild des britischen „Spectator“ die Flüchtlinge ins Verderben lockt. In Merkels neue Töne mischte sich dann auch rasch Seehofers alte Leier. Das Ende vom Lied: Grenzkontrollen. Und, vermutlich, eine Verschärfung des Asylrechts.

          Größte Herausforderung seit der deutschen Einheit

          Was bleibt, ist Ernüchterung. Nicht nur bei jenen, denen ohnehin nicht zum Feiern zumute war, weil sie den Kopf nicht freibekommen: Wir schaffen das? Wir sind geschafft. All die Helfer zum Beispiel, die Polizisten, Bürgermeister, Beamten in den Ausländerbehörden. Nicht zu vergessen die besorgten Bürger. Womit nicht die tumben Fremdenfeinde gemeint sind, die den Begriff schamlos okkupiert haben, sondern die ganz normalen Menschen, die mit gemischten Gefühlen die dramatischen Fernsehbilder betrachten und die Worte einzuordnen versuchen, die sie dieser Tage zu hören bekommen: die größte Herausforderung seit der deutschen Einheit. Wir sind in einer Notlage. Europa stürzt ins Chaos. Unsere Gesellschaft wird sich verändern. Wie aber wird es dann sein: ungemütlicher, enger? Aufregender ganz sicher. Doch wer mag sich heute schon aufregen?

          Die Wirtschaftsforscher sind sich weitgehend einig: Einwanderung ist gut – gut für alle. Von den Fotos im Wirtschaftsteil der Zeitung blicken uns lächelnde Menschen entgegen: zuversichtlich, tatkräftig, gut gebildet, hungrig auf Erfolg. Schaut hin, so die Botschaft, die sind so wie wir! Solche Migranten machen niemandem Angst, abgesehen vielleicht von denen, die angesichts der hochkarätigen Konkurrenz um ihren Job bangen müssen. (Obschon: Den Satz „Die Ausländer nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg“ hat man lange nicht gehört. Vermutlich, weil viele Migranten all die Dreckjobs übernehmen, die Einheimische gar nicht machen wollen.) Was aber ist mit jenen Menschen, die nicht lächeln? Die nicht hungrig auf Erfolg sind, sondern einfach nur hungrig? Sind die auch so wie wir – oder vielleicht eine frühere Version unserer selbst, die wir spätestens mit der Nachkriegszeit überwunden glaubten?

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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