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Flucht über das Mittelmeer : Die Schiffbrüchigen von Catania

  • -Aktualisiert am

Namenlos: Am Rande des Friedhofs von Catania sind die Ertrunkenen beerdigt. Bild: AP

In der sizilianischen Hafenstadt kommen Tausende aus Seenot gerettete Flüchtlinge an. Gut vernetzte Helfer und Bürokraten sorgen dafür, dass es trotzdem kaum Konflikte gibt. Ein Ortsbesuch.

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          Auf dem Friedhof von Catania will Ibrahim Abschied von seiner Vergangenheit nehmen. Dafür hat der Maurer aus Gambia seine künftige Frau mitgebracht, eine Italienerin, die er in ein paar Tagen heiraten will, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Maria ist älter als Ibrahim, aber das stört den 25 Jahre alten Bauarbeiter nicht; und Maria ist sichtlich verliebt in den gut aussehenden Afrikaner. Gemeinsam stehen sie auf dem Friedhof, dort, wo das sizilianische Catania die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge begräbt. Hier liegt auch Ibrahims kleiner Bruder, dessen Hand er fest umklammert hielt, als das Schiff auf offener See zu sinken begann, und die ihm dann doch entglitt. Madi wäre der einzige Verwandte auf Ibrahims Hochzeit gewesen. „Ich habe keine Verwandten mehr“, sagt der Gambier betont nüchtern.

          Die ersten 17 Grabsteine auf dem Areal, das noch vielen weiteren Platz bietet, tragen Verse von Wole Soyinka, dem nigerianischen Nobelpreisträger für Literatur: „Sand folgt meinen Schritten“ steht da auf einem. Ein Verweis auf die entbehrungsreiche Reise durch die Sahara, die Schrecken der Migration durch das kriegszerstörte Libyen, die die Flüchtlinge hinter sich hatten, noch bevor sie die riskante Fahrt über das Mittelmeer antraten.

          Bis Anfang Juni mehr als 48.500 Flüchtlinge in Italien

          Ibrahim hält Maria fest an der Hand. Sie schweigen; und der Wind trägt vom Meer eine Spur von Salz und Sand auf den Friedhof. Auch der Gambier trägt den „Sand“ der Erinnerung mit sich, wie es der nigerianische Dichter formuliert hat. Im Frühsommer 2014 kam er in Catania an Land und brachte kaum mehr mit als jenen Leichensack mit Madi. Aus dem Flüchtling ist inzwischen ein Flüchtlingshelfer für die geworden, die nach ihm gekommen sind. Ibrahim und Maria engagieren sich bei der katholischen Laien-Gemeinschaft Sant’Egidio, wo der Muslim Ibrahim bald nach seiner Ankunft Anschluss bekam. Dort half man ihm, Italienisch zu lernen und einen Job auf dem Bau zu finden. Und dort eben lernte er auch Maria kennen. Ibrahim betreut Migranten im Auffanglager Cara di Mineo vor der Stadt, wo in einer früheren amerikanischen Militärsiedlung nach offiziellen Angaben 3500 Migranten untergekommen sind. Es dürften längst mehr sein.

          In Catania auf Sizilien gehen viele der Flüchtlinge an Land, die von der EU-Marinemission NavforMed sowie den Schiffen ziviler Initiativen und von der EU-Agentur Frontex aus Seenot im Mittelmeer gerettet werden. Bis Anfang Juni waren es in ganz Italien wieder mehr als 48.500 – wie schon im vergangenen Jahr. Die Einwanderer haben das Bild und den Puls der barocken Küstenstadt verändert; hier die vielen Migranten, die sich wie Ibrahim in Catania niedergelassen haben; dort die vielen europäischen Bürokraten, deren Aufgabe es ist, die Einwanderung in geordnete Bahnen zu lenken.

          Gerade geht auf dem Mobiltelefon von Catanias Bürgermeister Enzo Bianco die Nachricht über eine weitere Rettungsaktion ein, die vom Maritimen Koordinationszentrum in Rom koordiniert wird. Bei insgesamt acht Rettungsoperationen sind gut 880 Schiffbrüchige aufgenommen worden, die nun auf dem Versorgungsschiff „Vos Thalassa“ nach Catania gebracht werden. Die gleiche Nachricht erreicht auch den Hafen, die EU-Agentur Frontex, private Hilfsgruppen wie Sant’Egidio und den Beauftragten des Bürgermeisters für Katastrophenschutz, Salvatore Consoli. Sie alle sind über eine Whatsapp-Gruppe miteinander verbunden. Etwa acht Stunden haben die Helfer nun Zeit, um sich auf die Ankunft der Menschen vorzubereiten. Diesmal, sagt Bianco, seien offenbar 120 Kinder und Jugendliche ohne Begleitung unter den Geretteten; zum Glück keine Toten. Es würden mehr Freiwillige zur Aufnahme der unbegleiteten Minderjährigen gebraucht, als bisher erschienen seien. „Diese Waisen sind besonders arm dran“, sagt Bianco.

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