https://www.faz.net/-gpf-8hycz

Flucht über das Mittelmeer : Die Schiffbrüchigen von Catania

  • -Aktualisiert am

Kein Potential für ausländerfeindliche Parteien

Anders als früher werden viele von ihnen in Catania bleiben. Bevor Italien im Spätsommer 2015 die „Hotspots“ einrichtete, wurde die Identifizierung und Registrierung der Migranten von den italienischen Behörden eher oberflächlich gehandhabt; viele zogen weiter nach Norden. Doch heute, seit die europäischen Beamten mithelfen, würden weit mehr als 90 Prozent registriert. „Eigentlich alle“, stellt Bürgermeister Bianco fest. Und weil sie zurückgeschickt würden, wenn sie in anderen europäischen Ländern einen Asylantrag stellten, blieben viele gleich in Catania.

Nach offiziellen Zahlen leben zwar nur gut 4000 Migranten in der 315.000-Einwohner-Stadt. Doch ihre tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen. Das zeigt schon das Stadtbild. An vielen Ecken Catanias riecht es nach dem Kebab arabischer Straßenhändler. Afrikaner verkaufen Souvenirs, arbeiten in den Küchen der Restaurants oder arbeiten für eine internationale Spedition. International ist auch die Armut im Slum von San Berillo Vecchio: Zu ebener Erde bieten Prostituierte ihre Dienste an, während in der ersten Etage Migranten leben. Dieses Viertel werde bald ein „völlig neues Gesicht“ erhalten, beteuert Bürgermeister Enzo Bianco. Die Architektengruppe Mario Cucinella werde, „inspiriert von den hängenden Gärten der Semiramis in Babylon, San Berillo in ein Paradies“ verwandeln. Probleme mit den Migranten gebe es kaum. „Wir sind eine offene Stadt ohne Vorbehalte“, sagt Bianco; auch wenn 25 Prozent seiner Bürger arbeitslos sind. „Doch ausländerfeindliche Proteste kennen wir nicht“, setzt Bianco fort. Die nationalistische Lega Nord habe auf Sizilien keine Chance. „Zu viele von uns waren doch selbst mal Migranten und Gastarbeiter in New York oder Wolfsburg.“

„Noch schlimmer als das Meer ist nämlich die Wüste“

Zum Miteinander auf der Insel trägt auch die Gemeinschaft Sant’Egidio bei, die ihr Quartier im selben Komplex des Chiara-Klosters wie der EU-Agenturen hat. Emiliano Abramo, ihr Chef auf Sizilien, fährt nicht zum Hafen. „Wir betreuen die Flüchtlinge erst, wenn sie registriert und ärztlich versorgt in die Lager kommen.“ So hat er Zeit, in der Kirche ein Altarkreuz zu zeigen, das Migranten aus dem Holz ihres Kutters gezimmert haben. Darauf haben sie auf Arabisch geschrieben: Gott steh uns bei. Christen und Muslime in Arabisch sprechenden Ländern nennen Gott mit demselben Namen. So sei es ihm mittlerweile auch fremd geworden, einen Migranten nach seiner Religion zu fragen. „Wir verneigen uns hier alle vor dem einen Allah“, sagt Abramo. In der Kirche ist Julius, ein studierter Techniker aus Senegal, zum Gespräch bereit.

Europa, das habe er inzwischen erfahren, sei nicht unbedingt das Ziel seiner Träume. Er werde hier wohl auch kein Asyl erhalten und hoffe für eine gewisse Zeit auf Duldung. Julius arbeitete in Libyen, als dort im Jahr 2014 der Bürgerkrieg ausbrach. Da habe es für ihn kein Zurück nach Senegal mehr gegeben. „Noch schlimmer als das Meer ist nämlich die Wüste“, seien die Stämme und ihre Folterknechte in den libyschen Gefängnissen, sagt Julius mit Blick zum Altar, vor dem in wenigen Tagen Maria und Ibrahim nach katholischem Ritus heiraten werden. „Ich träume von einem normalen Leben mit Arbeit auf dem Bau“, sagt Julius. Derweilen legt die „Vos Thalassa“ unten im Hafen an und bringt 884 neue Flüchtlinge, die den „Sand“ der Sahara unter den Füßen tragen.

Weitere Themen

Ende mit Minimalbeschlüssen Video-Seite öffnen

Klimagipfel in Madrid : Ende mit Minimalbeschlüssen

Die UN-Klimakonferenz in Madrid ist nur mit Minimalbeschlüssen zuende gegangen. Die Delegierten aus fast 200 Ländern verständigten sich lediglich darauf, dass es eine Notwendigkeit gebe, die nationalen Klimaschutzziele anzuheben.

Topmeldungen

Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.