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Flucht über das Mittelmeer : Die Schiffbrüchigen von Catania

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Alle europäischen Agenturen auf einem Flur

An der Seite italienischer Grenzbeamter und Polizisten kommen auch Mitarbeiter von Frontex zum Hafen. Die EU-Agentur zum zivilen Schutz der EU-Außengrenze hat in Catania gerade einen „operativen Sitz“ eröffnet. Das hat auch mit Biancos Engagement zu tun. Als der heute 66 Jahre alte Bürgermeister von 1999 bis 2001 Italiens Innenminister war, hatte er sich dafür eingesetzt, dass die EU-Behörde dorthin kommt, wo besonders viele Migranten stranden. Aber aus politischen Gründen sei Frontex in Warschau angesiedelt worden, um auch Polen eine EU-Agentur zu geben. „Nun ist Frontex da, wo es hingehört.“

Derzeit arbeiten 300 Frontex-Mitarbeiter in Italien. Doch ihre Zahl werde bald aufgestockt, „weil der Druck auf Italiens Küste zunimmt“, sagt Frontex-Sprecherin Izabella Cooper. Frontex helfe im Auftrag seiner Mitgliedsländer und mit den von diesen Staaten zur Verfügung gestellten Kriegsschiffen, Flugzeugen und Hubschraubern sowie mit seinen Beamten für die „Hotspots“. Die Agentur gebe zudem Informationen über Schleuser von Italiens Staatspolizei, seiner Küstenwache und der „Guardia di Finanza“ an Europol weiter. Frontex arbeitet zudem mit dem Europäischen Unterstützungsbüro für Asylfragen (Easo) zusammen, das auf Malta residiert. Dieses Amt schicke seine Mitarbeiter aus, um bei den nationalen Ämtern den Asylprozess zu unterstützen, sagt Cooper.

Den Sand der Wüste noch unter den Füßen: Aus Seenot gerettete Flüchtlinge gehen in Catania an Land.

Tatsächlich sitzen seit einigen Tagen nicht weit von der mittelalterlichen Hafenfestung von Stauferkaiser Friedrich II. im früheren Kloster der heiligen Chiara alle diese Agenturen hinter offenen Türen an einem langen Flur zusammen. Am Ende des Flures stehen die Flaggen von Frontex, Easo, Europol und der EU-Marinemission, die unter Führung des italienischen Admirals Enrico Credendino Schiffbrüchige rettet und Informationen über Schmugglernetzwerke sammelt.

Auf hoher See wird Frontex zu Lebensretter

Verkehrssprache zwischen den Beamten auf diesem Flur, den italienischen und deutschen, portugiesischen und polnischen Mitarbeitern, ist Englisch. Sie alle versichern, dass Italien gewissenhaft die Migranten identifiziere, „und das klappt, weil wir eng zusammenarbeiten“. In ein paar Stunden werde dieser Prozess auch in Catanias Hafen wieder ruhig und professionell ablaufen. „Da weigern sich zunächst bestenfalls noch ein paar Nordafrikaner, ihre Fingerabdrücke zu geben“, sagt einer. „Die Schwarzafrikaner wehren sich nicht, sind sie doch besonders glücklich, der Hölle entkommen zu sein, nicht nur dem Meer sondern auch ihren vom Fremdenhass der Berber geprägten Erfahrungen in der Wüste und in Libyen.“ Wer von den Migranten in den Tagen danach keinen Antrag auf Asyl stelle, müsse mit Abschiebung rechnen.

Bei einem kurzem Kaffee an der Bar vor dem Frontex-Büro auf der Piazza reden diese Beamten mit Mitgefühl über die Opfer von Schleppern. Ihre Aufgabe sei zwar der Schutz der EU-Außengrenze, „aber im Meer rangiert ein anderer Auftrag höher: Wer in Seenot ist, muss Hilfe bekommen.“ Politisch will sich niemand äußern, aber die von manchen EU-Politikern vorgetragene Idee, man sollte doch die vollen Schiffe auf die libyschen Strände zurückschicken, erntet Achselzucken. Es sei auch nicht leicht, EU-Asylkriterien bei diesen Migranten anzulegen, die nicht nur vor politischer Verfolgung flöhen, sondern auch vor den Folgen des Klimawandels oder Armut, sagt jemand. Im Schatten der Stauferburg eines Kaisers, der nicht nur Schwäbisch, sondern auch Arabisch und Italienisch sprach, fügt ein Niederländer an, dass Europa wieder etwas lernen müsse: „Seine Identität ist der Reichtum aus vielen Geschichten.“ Es drängt die Zeit: In einer Stunde soll die „Vos Thalassa“ mit genau 884 Flüchtlingen im Hafen anlegen.

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