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Syrische Flüchtlinge : Flucht ins vermeintliche Paradies

Nach einem Angriff der syrischen Luftwaffe ist ein Straßenzug in Idlib total zerstört. Allein von hier flohen 500 000 Menschen. Bild: dpa

Immer mehr Syrer kommen nach Europa. Sie fliehen vor Luftangriffen des Regimes, dem Terror des IS und der Perspektivlosigkeit. Dabei überbieten viele Flüchtlinge einander mit ihren Vorstellungen von ihrem Zufluchtsort - besonders von Deutschland.

          Zwei Faktoren treiben die Syrer in diesem Sommer zu einer historischen Fluchtwelle nach Europa und insbesondere nach Deutschland: Neu ist das Ausmaß sinnloser Zerstörungen, neu ist in den Städten Syriens auch die verzweifelte Hoffnungslosigkeit derer, die bis zuletzt noch geglaubt hatten, dass der Krieg enden würde und bald Normalität einkehren werde.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Allein um die Städte Aleppo und Idlib wurden im vergangenen halben Jahr 1,5 Millionen Syrer zu Flüchtlingen. Das Regime in Damaskus verliert weiter an Boden und verteidigt nur noch den Großraum Damaskus, die Achse nach Norden bis in den Süden Aleppos und den Landstrich entlang des Mittelmeers. Vor drei Monaten zog sich die Armee aus der Stadt Idlib zurück, nicht ohne die Bevölkerung zu bestrafen. Es ließ die Stadt bombardieren, ein Viertel wurde zerstört, 500.000 Menschen flüchteten aus Idlib. Heute leben in der Stadt nur noch 100.000 Menschen.

          Fehlende Flugverbotszone fatal für Bevölkerung

          Ein ähnliches Schicksal erlebte das nahegelegene Dschisr al Schughur. Nach Bombardierungen sind von dort 120.000 Menschen geflohen. Ebenfalls 300.000 Menschen flohen in den vergangenen zwölf Monaten aus den westlichen Regionen der Provinz Hama. „Damit hat die Luftwaffe des Regimes zuletzt fast weitere zwei Millionen Menschen in die Flucht getrieben“, sagt der Oppositionelle Fawaz Tello, der seit drei Jahren in Berlin lebt und Asyl genießt. Er macht dafür die Weigerung des Westens mitverantwortlich, eine Flugverbotszone einzurichten. „Wer floh, suchte zunächst Zuflucht in der Türkei und ist jetzt auf dem Weg nach Europa“, sagt Tello. Auch der Exodus aus Aleppo ebbt nicht ab. Als Christen dort Ende April die Erstkommunion feierten, wurde eine der Kathedralen gezielt angegriffen, und viele Familien kehrten der Stadt den Rücken. „Sie sehen einfach keinen Ausweg mehr“, schildert ein Österreicher syrischer Herkunft die Angst der Christen.

          Die ersten Syrer, die ab 2011 ihr Land verließen, strandeten in den Nachbarländern. Sie flohen, nachdem im Krieg ihre Häuser und Wohnungen zerstört worden waren, als ihre Städte unbewohnbar wurden. Millionen setzten sich in die Türkei, den Libanon und nach Jordanien ab, wo sie meist in Zeltstädten Unterschlupf fanden; Millionen wurden aber auch innerhalb Syriens Binnenflüchtlinge, vor allem wenn sie als Angestellte des Staates in einer anderen Stadt weiter Gehalt beziehen konnten. Wer seit langem in Zeltstädten und Lagern lebt, hat heute kaum noch finanzielle Reserven und kann sich kaum mehr einen Schlepper leisten.

          Das können aber diejenigen, die in diesem Sommer die noch nicht zerstörten Städte wie Damaskus verlassen haben und ihre Häuser und Geschäfte zum Teil sogar noch verkaufen konnten. Der Krieg hat der Mittelschicht und vielen jungen Akademikern, die vorher in Frieden und Sicherheit im Land gelebt haben, die Existenzgrundlage entzogen. Die Menschen verlassen Syrien, weil sie die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren aufgegeben haben, beobachtet der aus Damaskus stammende Zahnarzt und Implantologe Nabil Sayaf, der seit 1972 in Deutschland lebt.

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