https://www.faz.net/-gpf-87jck

Syrische Flüchtlinge : Flucht ins vermeintliche Paradies

Ziel des Regimes ist es, den Großraum Damaskus zu einer Wagenburg auszubauen. Dazu kämpfen derzeit 20.000 Bewaffnete der syrischen Armee, aber auch der Hizbullah sowie Iraker und Iraner, um die Stadt Zabadani. Damit die Beziehungen der Flüchtlinge zu ihrer Heimat gekappt würden, stelle die Konsularabteilung der syrischen Botschaft in Berlin häufig für die Kinder von Flüchtlingen keine amtlichen Bescheinigungen aus, sagt der Oppositionsberater Darrah.

Nicht jeder Syrer ist ein Syrer

Unter die syrischen Flüchtlinge auf dem Weg nach Deutschland mischten sich Migranten aus anderen Ländern, vor allem aus Algerien, Palästina, Ägypten und selbst Kurden aus dem Nordirak, die sich als Trittbrettfahrer als Syrer ausgäben, um ebenfalls Asyl zu bekommen, sagt Darrah. Nicht nur Syrer, die ihre zivile Existenz aufgegeben haben, kommen, sondern auch Kämpfer, die bei den häufig wechselnden Fronten einmal bei der einen, dann bei einer anderen islamistischen Miliz gekämpft haben. Auch setzen sich Angehörige der berüchtigten Schabiha-Milizen des Regimes ab.

In diesem Sommer haben sich aber überdurchschnittlich viele Angehörige der syrischen Mittelschicht entschlossen, außerhalb ihrer Heimat eine neue Existenz aufzubauen. Das Berliner Büro der Syrischen Nationalen Koalition ist eine der Anlaufstellen von Syrern, die es nach Deutschland geschafft haben. Mehr als die Hälfte von denen, die dort Rat suchten, seien Akademiker, sagt Darrah. In diesem Sommer seien auffallend viele Händler und Unternehmer gekommen, aus Damaskus, Aleppo und Homs. Repräsentativ ist diese Zahl nicht, ebenso nicht jene von Fawaz Tello: In der Sprachschule, in der er Deutsch lernt, stellen in diesen Wochen Akademiker 40 Prozent der Neuanmeldungen, jeweils 30 Prozent haben eine Berufsausbildung.

Die Syrer bringen nach eigener Darstellung eine Leistungsbereitschaft mit, die jene der meisten anderen Araber übertrifft. Die allermeisten kommen wegen ihrer Kinder. Denn in den meisten syrischen Familien genießt die Bildung der Kinder einen außergewöhnlich hohen Stellenwert, die Familien bringen dafür große Opfer. Leicht werde es für keinen, der ankommt, sagt indes Fawaz Tello: „Ein Syrer will aber etwas unternehmen, will tätig sein und nicht zu denen gehören, die Geld vom Sozialamt beziehen.“ Mehr als ein Zehntel der Syrer und damit auch der Flüchtlinge sind Christen. Die meisten aber sind Muslime. Sie bringen einen Islam mit, der lange als moderat und tolerant galt. Über Jahrhunderte hatten in Syrien Gläubige unterschiedlicher Religionen friedlich nebeneinander und miteinander gelebt, die vergangenen Jahrzehnte in einem säkular geprägten Land. Das hat dieser Krieg verändert. Zwar schlossen sich relativ wenige Syrer dem IS an. Einen Teil der syrischen Muslime hat die tägliche Begegnung mit dem Krieg jedoch radikalisiert. Das gilt insbesondere für die ungebildete Unterschicht; ihre Jugendlichen könnten eine Beute für rekrutierende Salafisten werden. Andere Syrer hat desillusioniert, was im Namen des Islams geschieht.

Wiederholen wird sich, was Deutschland bereits bei den Türken erlebt hat: Sie bringen in ihren Köpfen die Konflikte ihrer Länder mit, und das ist im Fall Syriens ein blutiger Bürgerkrieg, den sie hinter sich lassen wollen.

Weitere Themen

Trump verschärft Angriffe auf Kongressfrauen Video-Seite öffnen

„Sie müssen Amerika lieben“ : Trump verschärft Angriffe auf Kongressfrauen

Die Kommentare des US-Präsidenten richten sich gegen eine Gruppe, die im Kongress informell als „The squad“ bekannt war: Alexandria Ocasio-Cortez, Ilhan Omar, Ayanna Pressley und Rashida Tlaib. Omar hob Trump nun besonders hervor und behauptete, sie bevorzuge die extremistische Gruppe Al-Qaida gegenüber den Vereinigten Staaten.

Leben in der Festung

FAZ Plus Artikel: Afghanistan : Leben in der Festung

Viele junge Afghanen kehren in ihr Land zurück. Seit dem Sturz der Taliban 2001 hat sich dort einiges verändert. Sie möchten sich am Aufbau ihrer Heimat beteiligen. Doch die Angst vor dem Verlust der neuen Freiheit ist groß.

Topmeldungen

Der Eingriff in die bundesweite Verteilung von Krankenhäusern muss mit chirurgischer Präzision ausgeführt werden – sonst leidet die Versorgungssicherheit vor allem auf dem Land schnell.

Zu viele Hospitale : Der Patient Deutschland

Die Deutschen lieben ihr Krankenhaus in direkter Nähe – mag es auch noch so schlecht ausgestattet sein. Daher hat auch die Politik kein Interesse an einem großflächigen Abbau der Hospitäler. Vernünftig ist das nicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.