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Syrische Flüchtlinge : Flucht ins vermeintliche Paradies

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Im ersten Jahr des Kriegs hatten sie noch geglaubt, es werde nicht so schlimm. Später fragten sie sich, wohin sie denn gehen sollten. Nun gestehen sie sich ein, dass es niemals wieder so werden wird, wie es war. Viele Kinder haben seit vier Jahren keine Schule besucht. Die Familien fürchten die Fassbomben des Regimes und den Terror des IS. Sie flüchten, und der Strom wird immer größer. „Es ist wie eine Torschlusspanik“, beobachtet der aus Damaskus stammende Firas Lutfi, der in Deutschland studiert hat und heute in Bonn als Ingenieur arbeitet. Die ersten gehen, und immer mehr schließen sich dem Exodus an.

Deutschland erscheint Syrern als Paradies

Viele überquerten in diesem Sommer ohne zu großes Risiko die Grenzen, und sie berichteten das nach Hause. „Das war der Dammbruch“, sagt Salem al Hamid, Chefarzt einer Klinik in Gummersbach und Generalsekretär der Deutsch-Syrischen Gesellschaft. Ihm liegen bereits Bewerbungen Dutzender syrischer Ärzte vor. Sie hätten zwar eine gute Grundausbildung, ihnen fehle aber die Spezialisierung deutscher Ärzte, sagt al Hamid. Aus Damaskus, wo er Freunde und Verwandte hat, hört er, wie sich die Menschen auf den Straßen mit ihrem Bild von Deutschland überbieten. In Deutschland sei die medizinische Behandlung kostenlos, gebe es überhaupt alles umsonst, sagten sie sich einander. Schließlich hätten sie bei den arabischen Nachrichtensendern Al Dschazira und Al Arabiya ja gesehen, dass Deutschland ein Paradies sei.

Eine Sogwirkung entfaltete auch das Gerücht, jeder, der bei der deutschen Botschaft in Beirut ein Zeugnis mit einem akademischen Abschluss vorlege, bekomme umgehend ein Visum, und jeder Arzt erhalte in Deutschland rasch eine Approbation. Lang sind seither die Warteschlangen vor der Botschaft. Wer entgegne, man müsse in Deutschland hart arbeiten, viele seien eben nicht reich, es flössen nicht Milch und Honig, der müsse sich nur anhören, er gönne jenen das Leben nicht, das die hätten, die bereits in Deutschland lebten, schildert der Ingenieur Lutfi kopfschüttelnd die Erfahrungen mit seinen Landsleuten.

Der Strom ebbt damit nicht ab. Zu Beginn der neunziger Jahre lebten in Deutschland gut 50.000 Syrer, sagt der Arzt al Hamid. Dann rechnet er vor: Davon waren 2000 Ingenieure, 4000 Ärzte und 8000 Studenten. Zu Beginn der syrischen Proteste im Jahr 2011 hatte sich die Zahl auf 10.0000 verdoppelt. „Heute liegt sie weit über 200.000, und das ist nur die Spitze des Eisbergs.“ Häufig würden Jugendliche und junge Männer mit dem Ziel vorgeschickt, die Familien nachzuholen. „Damit könnten die Syrer bald die Türken als die größte Minderheit in Deutschland ablösen“, vermutet al Hamid.

Obwohl so viele Syrien verlassen wollen, finden viele, zumal in Damaskus immer noch Käufer für ihre zurückgelassenen Häuser und ihre Geschäfte, mit deren Erlös sie Schlepper zahlen können. Wie das möglich ist, beschreibt Usahma Darrah, Berater des Berliner Büros der oppositionellen Syrischen Nationalen Koalition. Demnach treten als Strohmänner für die iranischen Revolutionsgarden Maklerfirmen, meist aus dem Libanon, auf. Vor allem in Damaskus, etwa im Stadtteil Mezze, und im Umkreis der Hauptstadt kaufen sie Immobilien. Dort sollen die Kämpfer untergebracht werden, die andere Stellungen, etwa Idlib, nicht halten konnten und neu angesiedelt werden sollen. Wohnungen sollen auch Kämpfer aus Iran erhalten, die dann ihre Familien nachkommen lassen. 13 Millionen Syrer sind innerhalb und außerhalb des Landes auf der Flucht. „Viele von ihnen wollen nach Europa“, sagt al Hamid. Um diesen Fluss zu bremsen, sieht er nur einen Weg: „Die EU muss auf die Vereinigten Staaten einwirken, damit Saudi-Arabien und die Türkei endlich aufhören, den IS und andere Extremisten in Syrien unterstützen.“

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