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Flüchtlingsheime : Viel Platz für wenige Flüchtlinge

Wenig Menschen, viel Raum zum Spielen Bild: Soldt

Der kleine Ort Meßstetten in Baden-Württemberg musste während der Hochzeit der Flüchtlingskrise knapp 4000 Asylsuchende aufnehmen. Die Bürger waren zunächst skeptisch. Jetzt sind kaum noch Flüchtlinge da – und die Meßstetter bedauern das fast.

          Normalerweise machen schwäbische Kommunalpolitiker ihren Mittelständlern keine Vorschriften, wohin sie was exportieren sollen. Im Herbst 2014 war das anders. In der Landeserstaufnahmestelle Meßstetten herrschte der Ausnahmezustand. Das Land war wegen der Flüchtlingskrise im „Krisenmodus“. Zur Sicherung der ersten zusätzlichen Landeserstaufnahmestelle in einer Kaserne im Zollernalbkreis wurden Maschendrahtzäune benötigt. Der war gerade Mangelware, da griff der zuständige Landrat Günther-Martin Pauli zum Telefon und sagte dem Lieferanten: „Sie können den Zaun jetzt nicht nach China exportieren. Wir brauchen den hier.“ Die Lage war dramatisch. Es waren die Zeiten, als Baden-Württemberg nahezu täglich für 10.000 Flüchtlinge irgendwo ein Feldbett finden musste. Heute nehmen die Landeserstaufnahmestellen in der Woche noch 1000 Flüchtlinge auf.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Mitte August 2014 hatte die damals noch grün-rote Landesregierung entschieden, in die ziemlich entlegene Kleinstadt im Zollernalbkreis bis zu 1000 Flüchtlinge in eine neu einzurichtende Landeserstaufnahmestelle zu schicken. „Die Politik des Gehörtwerdens galt damals nicht“, erinnert sich Günther Martin Pauli. Innerhalb von zwei Tagen musste eine Bürgerversammlung einberufen werden. Es dauerte nicht lange, bis Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nach Meßstetten reiste, um dem damaligen Bürgermeister zu erklären, dass nun bald Busse mit Kriegsflüchtlingen aus Syrien und Afghanistan kommen würden. Der sichtlich überforderte Bürgermeister verlangte von Kretschmann dann, das Ganze dürfe aber keinen Einfluss auf die Trainingszeiten der örtlichen Sportvereine haben, worauf Kretschmann die Fassung verloren haben soll. „Da ersaufen täglich Menschen im Mittelmeer, und Sie kommen mir mit den Trainingszeiten“, soll der Ministerpräsident lautstark geschimpft haben. Bei der Bürgerversammlung standen die Meßstetter dann draußen auf der Wiese, weil in der kleinen Stadthalle kein Platz mehr war und die Unruhe in der Stadt sehr groß. Die NPD hatte ein paar Agitatoren auf die Schwäbische Alb gekarrt und im Internet Stimmung gemacht. Deshalb waren es dann ausgerechnet Berliner, die auf der Bürgerversammlung über die vielen Kinder und die Kriminalität der Flüchtlinge fabulierten. Kurz vor Beginn der Bürgerversammlung waren sich die Politiker noch nicht einmal sicher, ob sie den Termin nicht absagen sollten, so unkalkulierbar und explosiv war die Stimmung in der Kleinstadt, die noch nicht einmal einen Bahnhof hat. Doch es ging gut, die Mehrheit der Bürger war bereit, den Flüchtlingen zu helfen.

          278 Flüchtlinge und 270 Mitarbeiter

          In der Kaserne waren dann zur absoluten Hochzeit der Flüchtlingskrise sogar 3800 Flüchtlinge untergebracht, viermal so viel, wie vorgesehen waren. Es gab Probleme mit Kosovo-Albanern, die mit Diebstählen die Einrichtung verunsicherten, es gab auch mal eine Schlägerei unter Syrern, weil ein Wachmann einer schwangeren Frau aus Syrien nicht erlaubt hatte, ein Brötchen aus der Kantine mit in die Unterkunft zu nehmen. „Es waren aber auch sehr viele ergreifende Lebensgeschichten, die uns die Flüchtlinge erzählt haben“, erinnert sich Pauli.

          Wer jetzt das Gelände der ehemaligen Zollernalbkaserne betritt, zählt auf den Rasenstreifen vor den Kasernen mit Mühe dreißig Flüchtlinge, die sich die Zeit in der Augustsonne vertreiben. Auf der Hauptstraße zwischen den Gebäuden 5a und 6b fährt ein einsamer Flüchtlingsjunge mit dem Skateboard, ein Mann telefoniert mit dem Handy vor Haus 6b, drei Mädchen hüpfen einen Weg entlang. Alle Gebäude der gut sanierten Kaserne sind in fünf Sprachen beschildert. Es gibt ein Begegnungszentrum, eine Krankenstation, vierzehn Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration warten auf Neuankömmlinge, die derzeit aber nicht kommen. Die Grünstreifen zwischen den früheren Soldatenwohnungen sind nicht mehr zertrampelt, sondern die jetzt in der Unterkunft lebenden Flüchtlinge haben dort Blumenbeete angelegt. Die Betreuungssituation in Meßstetten hat sich, vorsichtig formuliert, ziemlich verändert: Um 278 Flüchtlinge kümmern sich derzeit 270 Mitarbeiter. Nur drei von elf Wohnhäusern der ehemaligen Kaserne sind belegt. Die vom Landratsamt bezahlten Ärzte für die Erstaufnahmeuntersuchung haben wenig zu tun. Landrat Pauli und der stellvertretende Leiter der Landeserstaufnahmeeinrichtung, Herbert Scheffold, stehen im Empfangsraum, wo zwei Mitarbeiter hinter einem Tresen warten. „Vor einem halben Jahr hätten sie hier keinen Platz gehabt zum Warten“, sagt Scheffold. „Die Flüchtlinge, die im Moment kommen, bleiben etwa drei Monate bei uns, es gibt auch keine Rückkehrer mehr.“

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