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Familiennachzug : Papa, ich glaube, wir werden uns nie wieder sehen

Quälendes Warten: Chalid Almalki am Flughafen München Bild: Jan Roeder

Während in Berlin über den Familiennachzug diskutiert wird, wartet der syrische Flüchtling Chalid Almalki auf seine Frau und seine Töchter. Bekommen sie die notwendigen Visa, um Terror und Krieg zu entkommen?

          Noch einmal dehnen sich die Minuten zu kleinen Ewigkeiten. „14.54 Uhr – Flug BRJ 629 aus Ankara: im Anflug“. Fast regungslos steht Chalid Almalki vor Ausgang B, Terminal 1, im Münchner Flughafen. Gerade hat er draußen noch eine Zigarette geraucht, jetzt starrt er durch die Glastür auf stillstehende Gepäckbänder. Nur ab und zu tritt er von einem Bein aufs andere. „14.55 Uhr – Flug BRJ 629 aus Ankara: gelandet“. Almalki ist ein bedächtiger Mann mit schütteren Strähnen, die er auf die hohe Stirn gekämmt hat. Er hält eine Hand am Kinn und schaut so gebannt in die menschenleere Gepäckausgabe, als fürchte er, die entscheidende Sekunde zu verpassen.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Seit einem Jahr, drei Monaten und zehn Tagen hat Almalki seine Familie nicht gesehen, seine Frau Amina und seine fünf Töchter, Selma, Damaris, Mayla, Tuana und Soraya. Kontakt zu ihnen hatte er nur über Whatsapp: verzerrte Internettelefonate, Nachrichten voller Smileys, Herzen, Rosen. Und Fotos zerbombter Straßenzüge.

          Bis März 2014 lebten Almalki und seine Familie, die eigentlich anders heißen, in Aleppo im Norden Syriens. Er arbeitete als leitender Ingenieur im größten Kraftwerk des Landes. In ihrem Haus auf dem Werksgelände harrten sie auch dann noch aus, als der Krieg zwischen Rebellen und Armee längst in der Stadt war. Dann aber kamen die selbsternannten Dschihadisten des „Islamischen Staates“. Sie verdächtigten Almalki wegen seiner Führungsfunktion, ein Anhänger Assads zu sein. Sie verboten ihm, das Werksgelände zu verlassen. Und so floh er heimlich mit seiner Familie zur türkischen Grenze. Seinen Fahrer, der ihnen dabei half, sagt Almalki, hätten die Terroristen kurz darauf vor den Augen der übrigen Belegschaft getötet.

          Almalki hoffte, in der Türkei Arbeit zu finden. Doch auf keine seiner Bewerbungen erhielt er eine Antwort. Nach ein paar Monaten wurde das Geld knapp. Außerdem fürchtete er, von IS-Anhängern in der Türkei aufgespürt zu werden. Und so beschloss er, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. Er fuhr in einem Kahn übers Meer nach Griechenland, wurde in Aufnahmelager eingesperrt, marschierte im Schnee durch mazedonische Berge, Hunderte Kilometer, bis seine Füße bluteten. Er war Schlepperbanden und Betrügern ausgeliefert, zu zwanzigst eingepfercht in einen falschen Krankenwagen. Knapp fünf Monate war er unterwegs. Niemals, sagt Almalki, wäre diese Odyssee mit seiner Frau und den fünf Töchtern möglich gewesen. Sie hätten sie auch gar nicht bezahlen können. 7000 Euro kostete sie allein für ihn.

          Seine Familie wollte Almalki nachholen, sobald er in Deutschland als Flüchtling anerkannt sein würde. Vom Recht auf Familiennachzug hatte er in dem sozialen Netzwerk Facebook gelesen; in denselben Foren, aus denen er inzwischen erfahren hat, dass es in Deutschland nun eine Debatte über den Nachzug der Familien zu syrischen Flüchtlingen gibt, und dass vor allem Unionspolitiker fordern, ihn stark einzuschränken.

          Weil sie sich das Leben in der Türkei nicht mehr leisten konnten, reisten Almalkis Frau und die Töchter zurück nach Syrien, nach Raqqa, wo Almalkis Eltern und weitere Verwandte leben. Sie zogen in eine kleine Wohnung. Sie mussten sich bodenlange Gewänder und Gesichtsschleier kaufen, nicht einmal die zehn Jahre alte Soraya durfte ohne raus auf die Straße. Sie mussten sich überallhin von männlichen Verwandten begleiten lassen. Die Kämpfer des IS haben Raqqa zu ihrer Hochburg gemacht und überwachen die Einhaltung ihrer Gesetze mit brutaler Gewalt.

          Almalki selbst wurde vom Aufnahmelager nach Fischen im Allgäu geschickt, in eine verschneite Berglandschaft. Er zog in einen ehemaligen Landgasthof am Rand des Dorfs, der nun Unterkunft für dreißig Asylbewerber war. Dank des beschleunigten Verfahrens für Syrer bekam er schon nach zwei Monaten, Ende März, seine Anerkennung und damit eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Er begann den verpflichtenden Integrationskurs, vier Stunden jeden Tag. Eines seiner ersten deutschen Worte war: Termin.

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