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Sehnsuchtsort Deutschland : Das Adressbuch

  • -Aktualisiert am

Das kleine Adressbuch von Ain al Kateeb steckt voller Erinnerungen für die alte Frau. Bild: Rainer Wohlfahrt

Aich al Kateeb musste drei Mal in ihrem Leben fliehen. Beim letzten Mal landete sie in Biberach. Mitnehmen konnte sie aus Damaskus fast nichts außer ein paar Kleidern, einem Koran - und einem kleinen orangen Adressbuch.

          Behutsam blättert Aich al Kateeb durch die Seiten ihres kleinen orangen Adressbuches. „Hier, das ist die Nummer meiner Nachbarin aus Damaskus“, sagt die 81 Jahre alte Frau und tippt mit dem Zeigefinger auf einen arabischen Namen. „Da, diese Freundin wohnt inzwischen in Amerika, diese hier in Jordanien.“ Sie rutscht Zeile für Zeile die Ziffern und Buchstaben des eng beschriebenen Blattes hinunter. Ein wenig hellt sich das Gesicht der alten Dame auf, als die Erinnerungen an die syrische Heimat wach werden. An der Seite ihrer jüngsten Tochter Maysoon sitzt sie auf dem Sofa einer kleinen Erdgeschosswohnung in der baden-württembergischen Kreisstadt Biberach. Auf der Wiese vor der Terrasse wirbelt der Herbstwind gerade ein paar rote Blätter auf.

          Aus Damaskus ist Aich al Kateeb nicht viel mehr geblieben als das kleine Adressbuch. Anfang des Jahres war die gebürtige Palästinenserin gemeinsam mit zwei ihrer vier Töchter und zwei Enkelinnen nach Deutschland geflohen. Bereits die vierte Flucht ihres Lebens war das und wahrscheinlich die letzte: Selbst ein Kind noch war sie 1948, als israelische Kämpfer die Palästinenserfamilie aus ihrer Heimatstadt Haifa in den Libanon vertrieben. Von dort zog sie mit Eltern und Geschwistern bald weiter nach Damaskus.

          Doch der Traum von einem ruhigen Lebensabend in der zur zweiten Heimat gewordenen syrischen Hauptstadt endete jäh im Herbst 2012: Anderthalb Jahre nach Beginn des Aufstands gegen den syrischen Diktator Baschar al Assad musste sie gemeinsam mit ihren Liebsten das Zuhause im Palästinenserviertel Yarmuk verlassen. Hals über Kopf ging die Flucht damals vonstatten, nachdem die Luftwaffe des Regimes eine Moschee in Yarmuk bombardiert hatte, erzählt Maysoon. Mehr als 200 Menschen kamen dabei ums Leben.


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          Über Beirut ging es nach Kairo, wo der damalige islamistische Staatschef Muhammad Mursi noch eine solidarischere Aufnahmepraxis für syrische Flüchtlinge fuhr als der nun herrschende Militärmachthaber Abd al Fattah al Sisi. Doch auch der Millionenmoloch am Nil blieb nur eine Zwischenstation für die gebürtige Palästinenserin al Kateeb: Aus Ägypten, wo eine ihrer vier Töchter sie aufnahm, kam die Familie im Frühjahr in eine Erstaufnahmeeinrichtung im baden-württembergischen Oggelsbeuren – im Rahmen eines Programms, mit dem das Bundesinnenministerium zehntausend Syrern lange vor der Massenflucht im Sommer einen legalen Aufenthalt in Deutschland ermöglichte hatte.

          „Das Wichtigste ist die Familie“, sagt die noch vor der israelischen Staatsgründung in Haifa geborene Palästinenserin, deren neun Kinder nun in alle Welt verstreut leben, in Schweden, Bulgarien, Ägypten, Griechenland und Deutschland. Auch in Palästina wohnt heute wieder eine Tochter; aus Ramallah kam sie im Frühjahr zu Besuch nach Biberach und brachte den wohlduftenden Kräutertee mit, der Gästen in der kleinen Wohnung serviert wird. Auch zwei ihrer Enkel leben nur ein paar Straßenzüge in Biberach entfernt. Freudig drücken Petra und Sophia ihrer Großmutter, die sie liebevoll „Teta“ nennen, zwei Küsse auf die Wangen, als sie nach Schulschluss vorbei schauen. Außer ein paar Kleidern, dem Adressbuch und einem Koran konnte Aich al Kateeb nichts mitnehmen aus Damaskus – doch ausgerechnet das Muslimen heilige Buch verlor sie, als sie im Frühling nach Jahrzehnten wieder einer ihrer sechs Söhne in Athen besuchte, der lange vor Beginn von Revolution und Krieg nach Griechenland ausgewandert war.

          Hoffnung, ihr altes Haus in Damaskus jemals wiederzusehen, hat die altersschwache Patronin dieser Familie auf der Flucht nicht. Schön sei die Natur in Deutschland, sagt sie. Sie blickt hinaus in den Herbstgarten und zieht ihr warmes Wollgewand enger an den Körper. Damaskus näher gefühlt aber habe sie sich in Kairo. „Dort war es immer warm, und die Leute sprachen unsere Sprache“, sagt sie. Auch die Gerüche hätten sie an Syrien erinnert. Und die Rufe des Muezzins zum Gebet.

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