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Sehnsuchtsort Deutschland : Der Arbeitsvermittler

Studien- und Lebensberatung: Al-Hakimi im Gespräch mit einem „Kunden“ aus Syrien Bild: Daniel Pilar

Bassam Al-Hakimi berät in Schwerin Flüchtlinge schon in der Erstaufnahme des Landes. Seine „Kundengespräche“ führt er auf arabisch - und gibt den Flüchtlingen damit ein wenig emotionalen Halt im fremden Land.

          Seit Ende August ist die Arbeitsagentur Schwerin in der Flüchtlingserstaufnahme des Landes in Stern Buchholz mit drei Beratern vertreten. Einer von ihnen ist Bassam Al-Hakimi, 37 Jahre alt. Er kommt aus dem Jemen, sein Studium brachte ihn nach Deutschland. Seit die Erstaufnahme von Mecklenburg-Vorpommern sich nach Stern Buchholz erweitert hat, ist er bei der Arbeitsagentur angestellt. Gerade sitzt Allaa Alzaabi bei ihm, ein Syrer so alt wie er, der vor wenigen Tagen in die Erstaufnahme gekommen ist und gleich das Angebot wahrnahm, sich einen Termin bei der Arbeitsagentur zu beschaffen. Eine Stunde Zeit nimmt sich Al-Hakimi für jeden seiner, wie er sagt, Kunden. Oft dauert es länger.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Alzaabi sitzt in dicker Jacke, Jeans und Sandalen da, hört aufmerksam zu und lächelt manchmal. Zuerst befragt Al-Hakimi ihn nach seinem Leben, Beruf, Qualifikation. Alzaabi hat in Hama Maschinenbau studiert. Bis zum Bachelor ist er gekommen, dazu zwei Semester für den Master. Bei Alzaabi ist es für den Berater leicht herauszufinden, was der Mann kann und was er will. Alzaabi würde gern einen Abschluss machen und in der Branche arbeiten. Er bekommt eine Kundennummer der Arbeitsagentur. Außerdem notiert Al-Hakimi die wichtigsten Daten und überträgt sie in das Computersystem, mit dem alle Arbeitsagenturen vernetzt sind. Wo immer Alzaabi sich später einmal bei der Arbeitsagentur meldet, er ist jetzt bekannt und man weiß schon einiges von ihm, was lange Vorgespräche erspart.


          F.A.Z.-Serie: Sehnsuchtsort Deutschland

          © Daniel Pilar

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          Schließlich erläutert Al-Hakimi das weitere Vorgehen. Er malt alles auf ein Blatt Papier auf, das seinem Kunden später als Gedächtnisstütze dienen kann. Welche Dokumente fehlen und müssen nachgereicht werden? Alzaabi hat zwar seine Papiere dabei, aber nicht den Nachweis über sein Studium. Also muss er jetzt seine Familie bitten, ihm die entsprechenden Dokumente noch zu schicken – ein Foto von diesen genügt. Alzaabi erfährt außerdem, wohin er sich künftig wenden muss, um die Anerkennung seiner Abschlüsse zu beantragen, sich für eine Fortbildung einzutragen oder Leistungen zu beziehen. „iQ“ ist da ein guter Ansprechpartner, erfährt er zum Beispiel, ein Netzwerk speziell für Flüchtlinge und Migranten. Alzaabi hört außerdem etwas über die Jobcenter. Und auch ein bisschen Lebensberatung gibt es bei Al-Hakimi, etwa über Pünktlichkeit.

          Im Gespräch, das auf Arabisch geführt wird, fallen deutsche Wörter wie „Kaltmiete“ und „Warmmiete“. Alles wird aufgeschrieben in einer Art Protokoll, das für Alzaabi am Schluss ausgedruckt wird. Außerdem gibt es auf einem kleinen Zettel die E-Mailadresse, wohin er die fehlenden Unterlagen nachreichen kann, dazu diverse Falt- und Merkblätter. Dann noch ein paar freundliche Worte, ein Lächeln, ein fester Händedruck: Viel Glück!

          Bis zu zwölf solcher Gespräche führt Al-Hakimi am Tag, von sieben Uhr morgens an. Es gehe nicht nur um eine erste Beratung, um in Deutschland eine Arbeit zu finden, sagt Al-Hakimi, sondern so ein Gespräch gebe den Flüchtlingen auch Halt. „Wenn sie in ihrer Sprache reden können, ist das ja ein bisschen Heimat.“ Schon stecken zwei weitere Kunden ihre Köpfe in die Tür. Al-Hakimi bittet sie, später wiederzukommen. „Jetzt ist erst einmal Mittagspause.“ Die jungen Männer akzeptieren das freundlich, sie sind Warten gewöhnt. Auf jedem der Schreibtische der Arbeitsagentur steht ein Schild: „Willkommen“ – auf Deutsch, Englisch und auf Arabisch.

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