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Sehnsuchtsort Deutschland : Das Vorstellungsgespräch

In der Fertigungshalle: Kann Abaadir Nuur Dacar hier eine Ausbildung zum Zimmerer anfangen? Bild: Frank Röth

Abaadir Nuur Dacar ist aus Somalia geflüchtet. Nun hat er im rheinland-pfälzischen Landtag um Arbeit gebeten – und eine Lehrstelle im Hunsrück angeboten bekommen.

          Am 8. September fand im Mainzer Landtag der dritte von der Landes-CDU organisierte „Flüchtlingsgipfel“ statt. Geladen waren auch Unternehmer, die sich auf das rasche Verfertigen von Unterkünften verstehen. Als diese Leute im vollbesetzten Plenarsaal ihre Einschätzungen zur Lage kundtaten, bat aus dem Hintergrund Abaadir Nuur Dacar um das Wort. Sein Deutsch ist alltagstauglich, aber noch nicht so gut, dass er sich zugetraut hätte, frei zu sprechen. Der junge Mann, Jahrgang 1994, las also von einem Zettel ab, er stamme aus Somalia, er danke Deutschland für die „freundliche Aufnahme“ vor vier Jahren – und er wünsche sich dringend einen Ausbildungsplatz. Der Saal applaudierte, die CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner lobte ihn. Danach meldete sich Thomas Sapper, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Fertighaus Holding AG, zu Wort. In Richtung Nuur Dacar sagte er: „Wenn Sie arbeiten wollen, können Sie morgen bei uns anfangen.“

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Hans-Josef Schmitz, ein pensionierter Gymnasialdirektor aus Ober-Olm, hörte das gern. Seit einigen Monaten kümmert er sich um Nuur Dacar und um weitere Flüchtlinge aus Somalia, die ihm, so sagt es Schmitz, nach und nach „zugelaufen“ seien – Hilfsbereitschaft spricht sich herum. Schmitz, der sich zuletzt unter anderem damit beschäftigt hat, Flüchtlinge aus teuren Handyverträgen zu boxen, ist gescheit, außerdem ein politischer Mensch. Er weiß, dass Zusagen, die in einem Parlament vor Publikum gemacht werden, nicht so einfach zu widerrufen sind. Also hatte er Nuur Dacar zu seinem Auftritt ermuntert, obwohl der Somalier, wie Schmitz sagt, „nicht der geborene Demosthenes“ ist.


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          © Daniel Pilar

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          Bisher spricht nichts dafür, dass es der deutsche Fertighaus-Marktführer aus dem Hunsrück nicht ernst gemeint haben könnte. Im Anschluss an den Flüchtlingsgipfel tauschten beide Seiten ihre Kontaktdaten aus, Nuur Dacar begann mit Hilfe von Schmitz seine Bewerbungsunterlagen auf den neuesten Stand zu bringen. Aus ihnen geht hervor: Er ist geduldet bis Mai 2018, auch arbeiten darf er.

          Zeitweise hat Nuur Dacar als Übersetzer für andere somalische Flüchtlinge im Rhein-Main-Gebiet gearbeitet, außerdem zwei Kurz-Praktika sowie berufsvorbereitende Bildungslehrgänge gemacht, die durch das Jobcenter gefördert wurden. Auch auf die Zeit in seiner Heimat geht er ein. Er sei mit neun Geschwistern aufgewachsen, sein Vater sei von Terroristen der Al-Shabaab-Miliz getötet worden. Um danach einer drohenden Rekrutierung zu entgehen, sei er im Alter von 17 Jahren im Flugzeug über Mogadischu, Dubai und Italien nach Deutschland geflohen. Freunde eines Verwandten aus Kanada hätten die Flucht organisiert und die Schlepper bezahlt.

          Abaadir Nuur Dacar

          Und nun also der Hunsrück? Gerade erst war Nuur Dacar tatsächlich beim Vorstellungsgespräch – in Simmern, wenige Kilometer vom Flughafen Frankfurt-Hahn entfernt. Im Dezember 2011 war er dort auf deutschem Boden gelandet. Der „Bereichsleiter Technik“, Joachim Reuter, seit 35 Jahren im Betrieb, führte Nuur Dacar nun an Balken und Gipsfaserplatten vorbei durch die Fertigungshalle. Hier, wo es wegen des vielen Holzes ganz gemütlich ist, könnte der junge Somalier demnächst eine Ausbildung zum Zimmerer anfangen. Auch Schmitz war beim Vorstellungstermin dabei, er hatte Nuur Dacar, der keinen Führerschein hat, nach Simmern gefahren. Als Schmitz die Teile für die Fertighäuser sah, die beim Kunden innerhalb von zwei bis vier Tagen stehen, sagte er: „In Somalia hauen sie alles kaputt. So traurig es ist: Um ihr Land wieder aufzubauen, werden sie Zimmerleute brauchen – und Orthopäden.“

          Reuter fügte an Nuur Dacar gewandt hinzu: „Mit dem, was du hier lernst, bist du unten der King.“ Bis dahin ist aber noch einiges zu tun. So muss sichergestellt werden, dass der junge Mann noch in die Berufsschule einsteigen kann, die bereits am 1. August begonnen hat. Die Signale sind da positiv. Auch eine Bleibe braucht er, denn er kann kaum jeden Tag von Mainz-Mombach, wo er derzeit in einer kleinen Wohnung lebt, mit dem Bus bis in den Hunsrück fahren. Der Betrieb will ihm bei der Suche helfen. Zum Ende der Vorstellung wurde Nuur Dacar gefragt, ob er überhaupt in den Hunsrück kommen wolle. Er sagte: „Kein Problem.“

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