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Sehnsuchtsort Deutschland : Die Informationsveranstaltung

Pfarrer Eckhard Struckmeier (rechts) spricht zu den Lübbeckern. Bild: Daniel Pilar

In Lübbecke wird eine Realschule zur Notunterkunft für Flüchtlinge - viele Bürger sind darüber nicht glücklich. In der Stadthalle versucht ein Pfarrer, die Gemüter zu beruhigen. Teil IV unserer Serie „Sehnsuchtsort Deutschland“.

          Pfarrer Eckhard Struckmeier steht in der Lübbecker Stadthalle vor 600 ziemlich geladenen Bürgern und macht erst mal Witze. „Liebe eingeborene Westfalen, liebe Westfalen mit Migrationshintergrund“, sagt er. „Für gewöhnlich sind wir ein knochentrockenes Völkchen. Das halten wir monatelang durch.“ Wenn der Westfale dann allerdings auftaue, sei er zu großen Emotionen fähig. „Die werden wir heute erleben - und die werden gefälligst ausgehalten.“ Da lacht noch niemand.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Struckmeier muss am Mittwoch Abend eine Diskussion zwischen Lübbecker Bürgern, Vertretern der Stadt und des Landkreises Minden-Lübbecke moderieren. Der Grund dafür heißt Jahn-Realschule. Dort hatte die Stadt am Wochenende spontan 100 Flüchtlinge untergebracht. Innerhalb eines Nachmittags mussten die Schüler ihre Sachen zusammenpacken. Dann war erst mal zwei Tage schulfrei. Und anschließend ging es zu einer anderen Lehranstalt, die Pestalozzischule, wo eigentlich Kinder mit besonderem Förderbedarf unterrichtet werden. Sie liegt 500 Meter von der Jahn-Realschule entfernt. Seitdem ist es auf ihren Fluren etwas enger geworden.


          F.A.Z.-Serie: Sehnsuchtsort Deutschland

          © Daniel Pilar

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            Die Informationsveranstaltung

            In Lübbecke wird eine Realschule zur Notunterkunft für Flüchtlinge - viele Bürger sind darüber nicht glücklich. In der Stadthalle versucht ein Pfarrer, die Gemüter zu beruhigen. Zum Artikel

            Einkaufsbummel

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          Die Lübbecker sind darüber nicht glücklich. Sie kritisieren vor allem zwei Dinge: Dass es ausgerechnet die Jahn-Realschule treffen musste, wo es in der Stadt doch so viel Leerstand gebe, zum Beispiel einen ehemaligen Baumarkt. Und dass man die Schüler nicht besser vorbereitet habe. Gisela Siebe, Großmutter eines Jahn-Realschülers, wollte ihren Enkelsohn gerade von der Schule abholen, als er „zur mir an die Autoscheibe kam, leichenblass, und meinte: ,Ich kann noch nicht mitkommen. Wir müssen erst mal das Klassenzimmer leerräumen. Ich war richtig geladen.‘“

          Dabei sein ist alles: Bürger tragen sich nach der Veranstaltung ein, um ehrenamtlich zu helfen.

          Struckmeier kanalisiert solche Emotionen, ohne dass der Abend aus dem Ruder läuft. Es solle zunächst darum gehen, wie die Entscheidung für die Jahn-Realschule gefallen sei, sagt er, um einen „Faktencheck“. Den übernehmen der amtierende Bürgermeister und sein Nachfolger. Dann dürfen die Bürger Fragen zum Ablauf stellen. Sofort überhäuft ein Mann die Stadtvertreter mit Kritik. Struckmeier unterbricht: „Ich habe Verständnis für deine Worte, Rüdiger, aber ich möchte erstmal Vergangenheitsbewältigung betreiben.“ Wieder äußert jemand Kritik. Struckmeier fällt auch diesem Mann ins Wort. Für Meinungen sei später noch genug Zeit. „Liebe Leute, wir schaffen das“, sagt er. „Die Westfalen schaffen das. Es geht erst mal um die Geschichte bis hierhin, weil ohne Geschichte versteht man gar nichts. Wer meine Predigten am Sonntag besucht, der weiß das. Also: Wer noch Fragen hat, stelle sie bitte jetzt oder schweige für immer.“ Da lacht das Publikum zum ersten Mal.

          Der Druck ist raus, gegen zehn Uhr verlassen erste Bürger den Saal. Struckmeier aber nimmt weiter Leute dran. „Haben wir noch ein besseres Schlusswort im Angebot?“, fragt er. Ein Raunen geht durch den Saal. Eine Mutter erzählt schließlich, ihr Sohn habe letztens ein paar Flüchtlinge in den Supermarkt mitgenommen. „Die wollten unbedingt Heineken haben. Mein Sohn hat denen aber gleich gesagt: Hier in Lübbecke wird Barre getrunken“.

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