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Flüchtlingskrise : Europa ist ihre letzte Chance

Schwere Zerstörungen nach einem Luftangriff in Ariha in Syrien im August. Bild: dpa

In Syrien tobt seit 2011 ein Bürgerkrieg, Albanien und Kosovo waren noch nie für ihren Wohlstand bekannt und in Somalia und Eritrea sind die Lebensbedingungen seit Jahren schwer. Die Krisen sind nicht neu. Warum fliehen die Menschen gerade jetzt?

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          Die Flucht von Hunderttausenden nach Europa wirft die Frage auf: Warum gerade jetzt? Immerhin stecken die Länder, aus denen die Menschen fliehen, schon länger in der Krise. In Syrien tobt seit 2011 ein Bürgerkrieg, von Anfang an wurde auf Demonstranten geschossen. Die Balkanstaaten Albanien und Kosovo waren noch nie für ihren Wohlstand bekannt, eher für den verdächtigen Reichtum ihrer Politiker. Auch den Afrikanern, die jetzt in Europa ankommen, geht es schon lange schlecht. In Somalia existieren seit 25 Jahren kaum noch staatliche Strukturen, bewaffnete Banden terrorisieren das Land. Und in Eritrea müssen junge Männer schon seit mehr als zehn Jahren damit rechnen, lebenslang im Militärdienst festzuhängen. Wer einmal in der Armee ist, kommt nur raus, indem er viel Geld in die Hand nimmt oder stirbt. Die Menschen leiden also schon lange unter den Zuständen in ihrer Heimat. Trotzdem versuchten sie lange Zeit nicht, nach Deutschland zu gelangen. In diesem Jahr aber werden 800.000 kommen, mehr als fünfmal so viele wie 2014. Wieso?

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Beginnen wir mit Syrien, beziehungsweise: den syrischen Nachbarstaaten. Dorthin sind etwa vier Millionen Syrer geflohen, die meisten aus der Mittelschicht. Als klar wurde, dass der Bürgerkrieg zwischen Assad und der Freien Syrischen Armee noch lange dauern würde, hoben sie ihre Ersparnisse ab, und fuhren mit dem Auto in den Libanon, nach Jordanien und in die Türkei. Viele hofften, bald nach Hause zurückkehren zu können. Dann kam der „Islamische Staat“. Er verwüstete Syrien in einem unvorstellbaren Ausmaß und setzte sich im Osten des Landes fest. Auch Luftangriffe der Amerikaner konnten ihn nicht aufhalten. Jetzt sprengen seine Anhänger nacheinander die antiken Bauwerke von Palmyra in die Luft. Ein Signal an alle Syrer im In- und Ausland: Wir sind bis ins Herz eurer Kultur vorgestoßen. Auch optimistische Flüchtlinge wissen nun: Es gibt für sehr lange Zeit keinen Weg zurück.

          Die Länder rund um Syrien sind überlastet

          Gleichzeitig schwinden ihre Perspektiven in den Ländern, in die sie geflohen sind. Die Ersparnisse sind aufgebraucht, wer ein Auto besaß, hat es verkauft. Kaum jemand hat Arbeit, und wenn, dann weit unter seinem Ausbildungsniveau. Ein syrischer Arzt im Libanon kann froh sein, wenn er in einer Autowerkstatt halbtags einen Job findet. Die meisten haben weniger Glück. Sie müssen auf dem Schwarzmarkt Geld verdienen, betteln oder sich prostituieren. 80 Prozent der Syrer in den jordanischen und libanesischen Städten sind ärmer als der Rest der Bevölkerung. Sie können nicht einmal ihre Kinder in die Schule schicken. Zwar haben sich alle syrischen Nachbarländer bemüht, Flüchtlingskinder in den Unterricht zu integrieren. Im Libanon arbeiten manche Lehrer sogar in zwei Schichten, vormittags und nachmittags, aber selbst das reicht nicht, um alle zu unterrichten. Die staatlichen Systeme sind überlastet.

          Und die Politiker tun wenig, um das zu ändern. Niemand will, dass die Flüchtlinge dauerhaft im Land bleiben. Besonders in der Türkei herrscht die Sorge, dass neben den Kurden eine weitere Minderheit im Land entsteht, die Probleme macht. Die syrischen Flüchtlinge bekommen nur das Nötigste: Wasser und Kleidung. Spätestens jetzt, wo ihnen das Geld ausgeht, kratzen sie ihre letzten Reserven zusammen und setzen alles auf eine Karte: nach Europa, nach Deutschland. Dorthin, wo es noch Perspektiven gibt.

          Bild: F.A.Z.

          Aber diese Reise ist illegal. Wer sie schaffen will, braucht Schlepper, die ihm helfen, übers Mittelmeer zu kommen, vorbei an Hundestaffeln und über bewachte Grenzen. Weil immer mehr Syrer bereit sind, für diese Dienste zu zahlen, können die Schlepper von jedem, den sie über die Grenze bringen, mehr Geld verlangen. Ihre Gewinne steigen. Allein in den vergangenen fünfzehn Jahren haben sie ungefähr 1,2 Millionen Menschen weltweit geschmuggelt und damit 16 Milliarden Euro verdient, schätzt das Recherchenetzwerk „The Migrants’ Files“. Auch die Strukturen der Schlepper sind professioneller geworden. Für jede Fluchtroute gibt es ein passendes Angebot. Wer seine Flucht plant, braucht nur auf ihren Facebook-Seiten nachzuschauen, dort sind alle Preise aufgelistet. Zum Beispiel auf der Seite „Reisen Sie nach Europa“: Ein Flug von der türkischen Hafenstadt Mersin nach Italien kostet 5500 Dollar, die Übernachtung am Vorabend ist im Preis mit drin. Gleich mehrere Kontaktpersonen haben ihre Handynummer hinterlassen. Auf anderen Seiten empfehlen Flüchtlinge bestimmte Routen und warnen vor denen, die sie für besonders gefährlich halten. Eine Art Tripadvisor, bloß nicht für Urlaub, sondern für Flucht.

          Die Flüchtlinge nehmen unfassbare Strapazen auf sich.
          Die Flüchtlinge nehmen unfassbare Strapazen auf sich. : Bild: Reuters

          Die Schleuser ködern auch Menschen in Afrika und auf dem Balkan. Wo immer es geht, versuchen sie Geschäfte zu machen. Sie drängen auch jene zur Flucht, die sich noch unsicher sind, ob sie weg wollen. Ihnen wird alles Mögliche erzählt, damit sie sich einen Ruck geben. Im Kosovo zum Beispiel klappern Schleuser die Dörfer ab, mit angeblichen Arbeitsverträgen von deutschen Unternehmen. Einige Leute sprechen sie gezielt an, nach dem Motto: „Dein Bruder ist schon in Deutschland, was ist mit dir?“ So werden immer mehr Menschen nach Europa gelockt. Dazu kommt die Sogwirkung derjenigen, die es geschafft haben und ihre Verwandten nachholen.

          Gaddafis Tod machte den Weg durch Libyen frei

          Das ist aber nicht der einzige Grund dafür, dass gerade jetzt so viele Menschen kommen. Beispiel Eritrea: Die bisherige Route für Flüchtlinge führte über die ägyptische Sinai-Halbinsel nach Israel. Zehntausende sind in den vergangenen fünf Jahren auf diesem Weg der Repression entkommen, die meisten blieben in Israel. Währenddessen bauten die Israelis fieberhaft an einem Grenzzaun, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen. 2013 wurde er fertig, seitdem kommt auf dieser Route kaum noch einer durch. Wer nun in den Westen will, muss ausweichen auf die zentrale Mittelmeerroute. Sie führt durch die Sahara an die Küste Libyens. Von dort geht es mit notdürftig zusammengebastelten Schlauchbooten nach Europa.

          Das geht aber erst seit dem Sturz des libyschen Diktators Gaddafi im Jahr 2011. Jahrelang hatte Gaddafi Geld von der EU bekommen, um Flüchtlinge, die sein Land erreicht hatten, mit zweifelhaften Methoden von der Küste fernzuhalten. Manche fanden auch Arbeit, etwa als Gärtner oder Haushaltshilfen. Viele Libyer konnten sich das leisten, dank dem Geld, das die Erdölreserven des Landes brachten. Seit dem Tod Gaddafis hat sich beides geändert: Die Grenzen sind offen, und Jobs für Ausländer sind rar geworden. Seit einem Jahr hat sich die Lage noch verschärft. Denn der IS versucht mit aller Gewalt, Libyen unter seine Kontrolle zu bringen. Wer die Möglichkeit hat, sieht zu, dass er wegkommt. Die meisten kennen nur noch eine Richtung: hinaus aufs Meer, nach Europa.

          Albanien und Kosovo haben die Hoffnung verloren

          So ähnlich ist das auch in den Balkanstaaten. Zum Beispiel in Albanien: In den achtziger Jahren wanderte etwa eine halbe Million Albaner nach Griechenland oder Italien aus. Viele arbeiteten dort als Kellner. Dann geriet Griechenland selbst in die Krise, und die spitzte sich unter Tsipras noch zu. Die ersten, die dann ihren Job verloren, waren die ausländischen Hilfskräfte. 70.000 bis 100.000 Albaner kehrten in ihre Heimat zurück. Arbeit fanden sie nicht, deswegen suchen jetzt viele ihr Glück in Deutschland. Eine naheliegende Wahl, denn seit den Sechzigern leben albanische Gastarbeiter im Land, und während der Jugoslawien Kriege kamen noch mehr dazu. Die Leute wissen also, worauf sie sich einlassen. Deutschland hat in Albanien sowieso den besten Ruf. Wer es sich leisten kann, fährt einen Mercedes und kauft sich die Wandfarbe „Deutsch Color“, die mit dem Slogan beworben wird: „Ihre professional Wahl“. Dass der Satz falsch geschrieben ist, spielt keine Rolle. Hauptsache, er klingt deutsch, also nach Qualität.

          Aber nicht nur die Anziehungskraft Deutschlands spielt bei der Auswanderung eine Rolle. Viele Albaner haben alle Hoffnungen aufgegeben, dass sich die Lage in ihrem Land bessert. Der Regierungswechsel vor zwei Jahren hat kaum etwas gebracht. Ministerpräsident Edi Rama versprach seinen Landsleuten zwar eine freie Gesundheitsversorgung, allein: dafür fehlen die Steuereinnahmen. Außerdem stecken korrupte Beamte noch immer einen Teil des Geldes selbst ein. In Deutschland ist die Gesundheitsversorgung kostenlos, das wissen Albaner. Und sie wissen, dass Familien mit zwei Kindern ungefähr tausend Euro vom Staat kriegen, um über die Runden zu kommen. Und auch, dass die Bearbeitung eines Asylantrags ungefähr fünfeinhalb Monate dauert. Selbst wenn sie kein Asyl erhalten, können sie also mit ungefähr 5000 Euro rechnen. Davon kann man in Albanien ein Jahr lang ziemlich gut leben. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge versucht, solchen Kalkulationen entgegenzuwirken. Es hat Anzeigen in sechs großen albanischen Tageszeitungen geschaltet, Tenor: Niemand bekommt in Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen Asyl. Auch die Ministerpräsidenten der Balkanstaaten sind daran interessiert, dass ihre Bürger nicht massenhaft das Land verlassen. Ob es ihnen gelingt, das zu verhindern, lässt sich noch nicht sagen. Sicher ist aber, dass noch mehr Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika kommen werden. Europa ist oft ihre letzte Chance. Eine andere Wahl haben sie nicht mehr.

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