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Einwanderung : Wie unflexible Bürokraten Hilfe für Flüchtlinge blockieren

Flüchtlinge warten im Regen vor dem Berliner Lageso - eine alltägliche Situation, die Bernd Gasser und Klara Wallner dazu motiviert hat, sich zu engagieren. Doch dann scheiterten sie an der Bürokratie. Bild: Matthias Lüdecke

In Zeiten der Flüchtlingskrise müssten Vorschriften gelockert und kreative Lösungen gefunden werden, sagen Politiker. Doch Behörden wollen davon oft nichts wissen. Sie lassen hilfsbereite Bürger mit Vorschriften auflaufen.

          5 Min.

          Nach wie vor wollen viele Deutsche Flüchtlingen helfen – haben dabei aber oft das Gefühl, auf bürokratische Hürden zu stoßen. Manche sind daraufhin so frustriert, dass sie ihre Hilfsangebote zurückziehen. Bernd Gasser hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Der 64 Jahre alte Pensionär lebt mit seiner Frau in einem geräumigen Einfamilienhaus im grünen Berliner Norden, wenige Gehminuten vom Tegeler See entfernt. Den 60 Quadratmeter großen Souterrain-Teil des Hauses wollte er ausbauen und an eine Flüchtlingsfamilie vermieten.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Aus der Waschküche sollte eine Küche, aus zwei weiteren Räumen Bad und Schlafzimmer werden. In die frisch gestrichenen Räume fällt Tageslicht aus dem Garten, den die Flüchtlinge mitbenutzen könnten. Die Zimmer wirken alles andere als beengt. Aber sie sind nur 2,30 Meter hoch. Und die Berliner Bauordnung schreibt eine Mindesthöhe von 2,50 Metern für Wohnraum vor. Es gibt zwar auch einen Paragrafen, der Ausnahmen zulässt. Doch das war dem zuständigen Bauamtsleiter des Bezirks Reinickendorf zu heikel.

          Gasser, ein Mann mit tiefer Stimme, selbstsicherem Auftreten und von vielen Italienurlauben gegerbter Haut, hatte bei einem Kochabend der Organisation „Über den Tellerrand schauen“ syrische Flüchtlinge kennengelernt, die an diesem Abend Deutschen Kochrezepte aus ihrer Heimat beibrachten. Das hat ihm gefallen: eine Begegnung auf Augenhöhe, bei der er nicht automatisch in der Rolle des Helfers war.

          Gasser wollte die Wohnung auf eigene Kosten ausbauen

          Seine Frau und er begannen zu überlegen, ob sie nicht dauerhaft solche Begegnungen ermöglichen und ihr Haus mit einer Flüchtlingsfamilie teilen könnten. Sie gingen dann zu einer Wohnberatungsstelle für Flüchtlinge. Dort hätten die Mitarbeiter ihm am liebsten gleich eine der vielen Familien zugeteilt, die hilfesuchend im Minutentakt auftauchten, erzählt Gasser. Aber er musste ja noch die Ausbauarbeiten machen.

          Ein Zimmer der Souterrain-Wohnung von Bernd Gasser

          Zuschüsse gebe es nicht, erfuhr er. Also wollte er auf eigene Kosten Bad und Küche einbauen. Um sicher zu gehen und wirklich alles richtig zu machen, kontaktierte er das Bauamt. Und erfuhr: Ein Ausbau sei leider nicht möglich.

          Gleichzeitig sah er tagtäglich Berichte über all die Menschen, die bei zunehmender Kälte vor dem Lageso schlafen, dem Amt, das in Berlin Flüchtlinge registriert und erstversorgt. Er las in der Zeitung von der wachsenden Wohnungsnot in Berlin. Und hörte Reden von Bundespräsident Gauck und Kanzlerin Merkel, in denen es hieß: Neben Ordnung brauche es Flexibilität und Phantasie. Vorschriften müssten gelockert werden. Statt zu sagen, dass etwas unmöglich sei, müsse man fragen, wie es möglich gemacht werden könne.

          Gasser wurde wütend und schrieb einen offenen Brief, den er an verschiedene Zeitungen schickte. Kurz darauf rief ihn der Bauamtsleiter an. Inzwischen hat sich die Senatsbauverwaltung die Räume angeschaut. Noch ist offen, ob das etwas ändern wird.

          Unterdessen hat jedoch der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung auf Gassers offenen Brief geantwortet und ihm vorgeworfen, einen „Schwarzbau“ zu unterhalten und sich mit seinem Brief selbst „ans Messer geliefert“ zu haben. Gasser ist fassungslos.

          Eine Treppe führt zu dem Extra-Eingang in den Souterrain-Teil des Hauses von Bernd Gasser.

          Auch Klara Wallner wollte sich für Flüchtlinge engagieren – und hat wegen bürokratischer Hürden aufgegeben. Die Kuratorin lebt in Berlin-Mitte und hilft bei der Organisation „Moabit hilft“, die Flüchtlinge rund um das Lageso unterstützt. Ihr fiel auf, wie viele unbegleitete Kinder in der Schlange vor dem Amt standen.

          Kein Geld für die Ausbildung von Flüchtlings-Mentoren

          Dann rief die Stadträtin Christa Markl-Vieto in der Berliner Zeitung „Tagesspiegel“ dazu auf, Patenschaften für minderjährige Flüchtlinge zu übernehmen. Wallner sprach mit einem Freund, der wie sie selbst viel unterwegs ist, sich aber auch gerne engagieren wollte. Sie beschlossen, sich gemeinsam um ein Kind zu kümmern, es zum Amt und zum Arzt zu begleiten, zum Spielen einzuladen.

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