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Flüchtlingskrise : Osamas Leute

Der syrische Flüchtling Osama mit seinem Sohn Fadil, auf dem Weg über die serbisch-ungarische Grenze zwischen Hogros und Röszke. Bild: Daniel Pilar

Bis gestern war es kinderleicht, illegal in die Europäische Union einzureisen. Ein Spaziergang von Serbien nach Ungarn. Als das noch ging.

          9 Min.

          Wir kennen uns vielleicht eine halbe Stunde, da fragt Osama: „Glauben Sie an Gott?“ Er blickt dabei auf den Boden, denn wir laufen auf einem Bahngleis, und da kommt man am besten voran, wenn man immer auf die Schwellen tritt, nicht auf den Schotter dazwischen. Als Osama die Antwort hört, schweigt er einige Schwellen lang, dann sagt er: „Nicht alle Menschen, die an Gott glauben, sind gut – und nicht alle Ungläubigen sind schlecht.“ Terroristen zum Beispiel, sagt Osama. Er meint die Männer vom „Islamischen Staat“, der Terrorgruppe, die er „Daesh“ nennt. „Bei Daesh glauben sie an Gott, aber falsch. Das gibt es: Man kann falsch an den richtigen Gott glauben.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          An der linken Hand führt Osama seinen jüngsten Sohn mit sich, in der rechten trägt er eine Tasche mit zusammengerollten Isomatten und dünnen Decken. „Unsere Betten“, sagt Osama. Vor ein paar Wochen, vor der Überfahrt nach Lesbos, als sie sich in einem Wald an der türkischen Küste versteckten, hätte er seinen Sohn beinahe verloren. Es war früh am Morgen, noch dunkel fast, es musste plötzlich ganz schnell gehen, es war chaotisch, und auf einmal war Mohammed nicht mehr da. Es wäre fast das Ende gewesen. „Meine Frau würde mich töten, wenn ich mich aus Deutschland melde ohne Mohammed“, sagt Osama.

          Jetzt haben sie es bald geschafft. Das Gleis, auf dem Osama und seine Leute gehen, führt nach Ungarn. Osama ermahnt Mohammed, er solle auf seine Schritte achten. Damit nicht noch etwas passiert so kurz vor dem Ziel. Es sind nur noch wenige Kilometer bis zur Grenze. Wir passieren die letzten Häuser von Horgoš, dem letzten serbischen Dorf vor der Grenze. Ein Bauer und seine Frau stehen am Gartentor und betrachten schweigend die fremden Völkerscharen, die da wenige Meter von ihrem Haus entfernt nordwärts wandern.

          Sie brauchen keine Fernsehnachrichten, denn das Weltgeschehen zieht an ihrem Haus vorbei, live, seit Stunden, seit Tagen. Tausende und Abertausende sind unterwegs von Serbien nach Ungarn, der Menschenstrom hat keinen Anfang und kein Ende. Menschen aus Syrien, dem Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan und anderen fernen Ländern, von denen der schaulustige Bauer und seine Frau vermutlich ebenso wenig wissen wie die an ihnen vorbeiziehenden Massen von Serbien.

          Immer auf die Schwellen achten!

          Oft kommen Familien mit Kindern. Die sind müde, manche quengeln oder weinen und wollen endlich da sein, die Babys brüllen. Aus Pakistan sind fast nur junge Männer unterwegs, oft in großen Gruppen, als seien ganze Dorfgemeinschaften gemeinsam aufgebrochen. Wenn sie schweigend vorbeilaufen, zu Dutzenden, hört es sich an, als marschiere ein Trupp Soldaten über einen Platz. Schwarzafrikaner gehen dagegen meist allein, sie sind eine Minderheit auf den Gleisen.

          Osama ist mit seiner Schwester, zwei von seinen drei Söhnen und einem halben Dutzend anderen Verwandten unterwegs. Die Frau, der Vater und ein Sohn sind noch in Syrien. Es geht vorbei an einem dörflichen Potpourri aus Gemüsebeeten, Kartoffeläckern, Maisfeldern und weißgekalkten Bauernhäusern, aber Osama und seine Leute bekommen davon wenig mit.

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