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Von Syrien nach Deutschland : In den Händen der Schlepper

Noch lange nicht am Ziel: Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos Bild: Getty

Der Syrer Ali M. war rund fünfzig Tage lang unterwegs, bevor er in München eintraf. Seinen Schleppern zahlte er 6000 Euro – und riskierte dafür mehr als einmal sein Leben. Die Geschichte einer Flucht.

          Entspannt sitzt Ali M. in einem Wiesbadener Restaurant, und doch ist der Krieg, den er hinter sich gelassen hat, allgegenwärtig. Ali ist an diesem Morgen aus einer baden-württembergischen Kleinstadt angereist, um seinen Vater zu besuchen. Der war schwer herzkrank vor zwei Jahren mit einem Programm der Vereinten Nationen über Beirut nach Deutschland gekommen. Der Krieg ist auch deswegen allgegenwärtig, weil viele der neu ankommenden Syrer in dem Restaurant in der hessischen Landeshauptstadt den deutsch-syrischen Dolmetscher und Übersetzer Azez Yachoua treffen und ihn um Rat bitten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Ali aber trifft hier seinen Vater – wenige Wochen nachdem er das Erstaufnahmelager Meßstetten in Baden-Württemberg wieder verlassen durfte. Er war in diesem Sommer einen Monat und zwanzig Tage unterwegs, bevor er in München eintraf. Seinen Schleppern zahlte er 6000 Euro. Er hatte mit seiner Familie nahe der Stadt Idlib im Nordwesten Syriens gewohnt, wo sie ein Lebensmittelgeschäft unterhielten. Im vergangenen Frühjahr nahm die Intensität der Gefechte zu. Ein Dorf war für, das nächste gegen den Machthaber Baschar al Assad in Damaskus. Kampfflugzeuge donnerten über die Provinz, das Regime warf Fassbomben ab, am Boden wurde gekämpft. Einmal schlug eine Rakete hundert Meter von Ali und einem seiner zwei Kinder entfernt ein. „Gott war uns gnädig“, sagt er, und er beschloss, über die Türkei nach Europa zu fliehen, um später seine Frau und die beiden Kinder nachzuholen.

          Mit einem Verwandten floh er zunächst durch einen der vielen Tunnel entlang der Grenze zur Türkei. Zahlen mussten sie dafür nichts. Auf der türkischen Seite waren sie in Deckung, bis sie keinen Unteroffizier oder Offizier mehr sahen. „Die einfachen Soldaten lassen einen durch, die wollen kein Geld.“ Dann telefonierte er mit dem Schleuser. Sehen sollte er ihn nie, nur seine zahlreichen Helfer. In Antakya, zwanzig Kilometer von der Grenze entfernt, kauften die beiden im Busbahnhof Tickets für einen Reisebus nach Izmir. Dort sollten sie zu einem syrischen Restaurant namens „Sindbad“ gehen. An diesem Treffpunkt würden sie erfahren, an welchem Abend sie zum Strand aufbrechen sollten. Eines Abends fuhren sie in einem Taxi nach Norden. Am Strand lag ein Schlauchboot für 15 Personen. Sie bliesen es selbst auf, bestiegen es – mehr als dreißig Syrer, drei Familien und mehrere Singles.

          Szenen der Angst: Ein Mädchen weint in einem Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos. Ali M. spricht von Tausenden Menschen, die dort auf engstem Raum zusammenlebten.

          Die Fahrt nach Lesbos dauert sechs Mal länger als angekündigt

          Jeder Schleuser habe seinen Platz am Strand, erzählt Ali. Sie stimmten sich ab, wann welches Boot hinaus aufs Meer gehe. „Es kümmert sie nicht, ob jemand ankommt oder nicht, wer überlebt oder stirbt, sie wollen nur das Geld“, sagt er. Der Helfer des Schleusers sagte ihnen, die Überfahrt zur griechischen Insel Lesbos würde 40 Minuten dauern. Einer der Syrer steuerte das Boot, er musste dem Schleuser nichts zahlen. Dann überließ dieser die Syrer ihrem Schicksal. „Natürlich ist das gefährlich“, sagt Ali. „Gibt es aber einen anderen Weg als das Meer?“ Für die 15 Kilometer brauchten sie vier Stunden. Um vier Uhr morgens erreichten sie den Strand von Lesbos. Es war kalt, sie machten ein Feuer.

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