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Echo in der Arabischen Welt : Sehnsuchtsort Deutschland

Die Farben und das Gesicht der Hoffnung: Eine Gruppe Iraker in Bagdad Bild: AP

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird in der arabischen Welt gefeiert - als „mitfühlende Mutter“ und „Heilige“. Das Assad-Regime dagegen trifft Häme und Kritik.

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          Die Bilder von den syrischen Flüchtlingen, denen auf deutschen Bahnhöfen ein herzlicher Empfang bereitet wird, finden ein starkes Echo in der arabischen Welt. Auf Titelseiten, im Fernsehen, im Internet. Es werden Menschen zitiert, wie ein junger Mann aus der Provinz Homs, der sagt: „Hier werden wir wie Menschen behandelt - anders als in Syrien.“ Der arabischen Öffentlichkeit ist das Leid der Syrer auf ihrer Flucht ebenso wenig verborgen geblieben wie die Hilfsbereitschaft der Deutschen. Vielen Syrern, die dem Elend der Region entkommen wollen, gilt Deutschland mehr denn je als Sehnsuchtsort. Die Bundesrepublik war schon länger unter den bevorzugten Ländern (ebenso wie etwa Schweden oder die Niederlande), über die im Netz Ratschläge für eine Flucht dorthin gegeben wurden.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Auf Facebook oder Twitter werden leidenschaftliches Lob und Sympathiebekundungen verteilt, nicht zuletzt an die Adresse der Bundeskanzlerin: Merkel die „Mitfühlende Mutter“ oder auch die „Heilige“, heißt es dort. „Wir lieben Dich“, steht unter Merkel-Bildern, die über Facebook und Twitter verbreitet werden. Das ist auch eine Spitze in Richtung des syrischen Regimes, dessen Anhänger mit diesem Satz Bilder des Gewaltherrschers Baschar al Assad beschrifteten.

          Doch nicht nur Damaskus trifft Häme und Kritik. Auf Facebook wird Merkel beim Bad in einer fröhlichen Menschenmenge gezeigt. Daneben steht ein anderes, auf dem zu sehen ist, wie die Ehefrau des früheren Emirs von Qatar hinter einer Designersonnenbrille verschanzt an einem Zaun entlang schreitet, hinter dem sich notleidende Flüchtlinge drängen. Deutlicher wird der Widerwille, der sich im Internet gegen die arabischen Golfstaaten artikuliert, an einer Karikatur: Sie zeigt einen Mann im weißen Golf-Gewand, der mit der einen Hand ein Boot voller Flüchtlinge zurückweist. Mit der anderen gibt er einem bärtigen Rebellenkämpfer das Daumen-hoch-Zeichen.

          Kritk an den Versäumnissen des Westens

          Saudi-Arabien, Qatar oder Kuweit, die maßgebliche Akteure im Syrien-Konflikt sind, riegeln ihre Grenzen für die vor dem Krieg fliehenden Menschen ab. Doch es entsteht nicht der Eindruck, als seien sich die Eliten am Golf ihrer moralischen Verantwortung bewusst. Der kuweitische Sicherheitsfachmann Fahad al Shelaimi sagte unlängst im Fernsehen, man könne nicht „Menschen aus einer anderen Kultur, die auch noch schwer traumatisiert sind, hierherbringen“. Die Lebenshaltungskosten am Golf seien auch viel höher als etwa im Libanon oder in Jordanien. Da sei es doch besser, die Flüchtlinge blieben dort und würden vom Golf aus mit Spenden versorgt.

          Es bleibt aber nicht nur beim Hinweis auf die offenbar unerträgliche Schwäche der Syrer oder die Millionensummen, die als Hilfsgelder vom Golf in die arabischen Aufnahmeländer fließen. Nasser Ibn Hamad Al Khalifa, ein ehemaliger qatarischer Diplomat, kritisierte vor ein paar Tagen in einem Tweet, die Amerikaner und die Europäer würden Krokodilstränen über das Leid der syrischen Flüchtlinge vergießen, dabei treffe sie doch die Schuld am Elend der Syrer, denn sie hätten keine Waffen zum Sturz Assads bereitgestellt. Solche oder ähnliche Einlassungen über die Versäumnisse des Westens finden sich auch in Kommentaren der Riad treu ergebenen Presse, wo sich das Thema auf den hinteren Seiten wiederfindet, die Reisen des Königs und der Krieg im Jemen aber die Berichterstattung dominieren. Die libanesische Zeitung „L’Orient Le Jour“ schrieb Montag skeptisch: „Heute ein Windstoß der Liebe, aber morgen?“

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