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Griechen in der Flüchtlingskrise : Hilflose Ersthelfer

Erschöpft: Flüchtlinge erreichen auf Fischerbooten, die von Menschenschmugglern gesteuert werden, die griechische Insel Lesbos. Bild: Imago

In Griechenland betreten die meisten Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan erstmals den Boden der Europäischen Union. Vorbereitet ist das ohnehin gebeutelte Land darauf jedoch nicht.

          9 Min.

          Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ (HRW) hat Griechenland scharf kritisiert. In einem kürzlich erschienenen Bericht heißt es: „Schlechte Organisation und Personalmangel schaffen Chaos und Unsicherheit in einem polizeilichen Registrierungszentrum (...) auf der griechischen Insel Lesbos.“

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Mütter mit kleinen Kindern, schwangere, kranke oder behinderte Flüchtlinge würden bei der Registrierung, Essensausgabe oder der medizinischen Versorgung zur Seite gedrängt. An den meisten Stellen überlässt der Bericht den Lesern den Schluss, dass es die jungen, kräftigen Männer unter den Migranten sind, die sich in diesem Verdrängungswettbewerb an Europas Grenzen durchsetzen. Doch die Kritik der Organisation ist eine andere.

          Nach Monaten mit „riesigen“ Flüchtlingszahlen (weiterhin kommen Tag für Tag etwa 4000 Migranten allein auf Lesbos an) „haben die Behörden noch immer kein effektives System zur Registrierung der Menschen, damit sie weiterreisen können.“

          Das führe zu „unnötigen Sicherheitsproblemen“ und Härten besonders für solche Migranten, die sich nicht mit Muskelkraft und Gewalt „den Weg an die Spitze der Warteschlange“ bahnen können. Es gebe auf Lesbos, so HRW, zu wenige Informationen und Übersetzer für die Ankommenden. Die Folge: Die Polizei setze Tränengas ein, um eine aufgebrachte und desinformierte Menschenmenge zu kontrollieren. Die Bedingungen in einem wilden Lager, das um die Registrierungsstelle außerhalb der lesbischen Hauptstadt Mytilini entstanden ist, seien „miserabel“.

          Die Organisation schlägt den Einsatz speziell ausgebildeter Polizistinnen vor, um Frauen, Kinder und kranke Migranten zu schützen, zudem die Installation von Lautsprechern zur Verbreitung wichtiger Informationen in mehreren Sprachen. Eine Registrierung auf Lesbos ist die Vorbedingung für die Weiterreise per Fähre nach Piräus, der nächsten Zwischenstation der Migranten auf einem Weg, der für die meisten nach Deutschland oder Schweden führt.

          Neben Syrern, die in einem separaten, besseren Lager untergebracht sind, kommen auf Lesbos vor allem Afghanen, Iraker, Pakistaner und Somalier an. Syrer erhalten eine sechsmonatige, erneuerbare Aufenthaltsgenehmigung für Griechenland, alle anderen ein Papier mit der Aufforderung, Griechenland binnen 30 Tagen zu verlassen. Dann reisen sie weiter über den Balkan nach Nordwesteuropa.

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          „Die Entwicklungen haben die Politik überrascht, obwohl sie nicht überraschend waren. Schon 2012 gab es Warnungen vor einer Flüchtlingswelle aus Syrien“, sagt Angeliki Dimitriadi von der „Griechischen Stiftung für Europa- und Außenpolitik“ (Eliamep), dem führenden Forschungsinstitut des Landes.

          Die Frage, ob es eine koordinierte Flüchtlingspolitik in Griechenland gebe, beantwortet die Migrationsforscherin mit einem Kopfschütteln. Zwar gebe es immer wieder kurzfristige und auch durchaus gut improvisierte Lösungen wie in Athen die Umwandlung der Taekwondo-Halle von den Olympischen Spielen 2004 in eine Notunterkunft, „aber das Problem ist das Sporadische solcher Maßnahmen. Es gibt keine Regierungsstrategie.“

          In der Athener Selbstwahrnehmung ist Griechenland eine Art Durchlauferhitzer der muslimischen Völkerwanderung nach Europa: Die Menschen landen auf Lesbos, Kos und anderen ostägäischen Inseln, um mit der Fähre weiter auf das Festland sowie von dort über Mazedonien, Serbien und Ungarn an ihre eigentlichen Ziele zu gelangen.

          Seit Monaten halten sich Tag für Tag Tausende Migranten auf griechischem Territorium auf, doch kaum einer bleibt dort eine Minute länger als nötig, was sich auch der staatlichen Asylstatistik entnehmen lässt: Während in Deutschland Hunderttausende Flüchtlinge, Migranten, Asylanten und andere Einwanderer ankamen, stellten in Griechenland von Januar bis August 6245 Personen Antrag auf Asyl. Die meisten von ihnen, je knapp 1100, kamen aus Pakistan oder Afghanistan, die anderen Herkunftsländer wiesen nur wenige hundert Antragsteller auf – und ob sie überhaupt noch im Lande oder längst weitergezogen sind, weiß niemand.

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