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Griechen in der Flüchtlingskrise : Hilflose Ersthelfer

„Solange die Flüchtlinge in der Türkei waren, im Libanon und in Jordanien, hat man vielleicht im Europarat darüber gesprochen, in einer Hilfsorganisation oder bei den Vereinten Nationen, aber in Europa hat das kaum jemanden wirklich interessiert. Die Flüchtlinge waren ja woanders.“

Ein ehemaliger griechischer Minister, sehr erfahren in Migrationsfragen, äußert sich ähnlich kritisch über die Vorhaltungen, die seinem Land gemacht werden. „Seegrenzen lassen sich nicht abriegeln. Man kann die Menschen entweder retten oder ertrinken lassen. Dazwischen gibt es nichts.“ Deshalb sei die jetzt allseits geforderte Intensivierung des Grenzschutzes zur See ebenso wenig eine Lösung wie das immer wieder geforderte härtere Vorgehen gegen Menschenschmuggler.

„Natürlich sollten Menschenschmuggler verhaftet und bestraft werden, aber das allein wird nicht die Zahl der Flüchtlinge reduzieren, sondern nur den Preis erhöhen, den sie für die Überfahrt zahlen müssen.“

Beispiel Griechenland zeigt, dass Abschiebungen schwer zu vollziehen sind

Dass es in der Flüchtlingskrise nicht die eine, alles entscheidende Lösung geben kann, sondern nur eine Politik der vielen kleinen Schritte, bestätigt der Politiker aus griechischer Sicht. Er nennt Pakistan als Beispiel, das Land, aus dem die meisten Menschen stammen, die in Griechenland Asyl beantragen. „Tausende kommen von dort in die EU, ohne die Kriterien für einen Status als Flüchtlinge oder Asylanten zu erfüllen. Pakistan exportiert systematisch Menschen und verletzt systematisch das 2010 geschlossene Rücknahmeabkommen mit der EU.“

Wende die EU gegen Einwanderer aus solchen Ländern nicht eine „harte Abschiebepolitik“ an, werde sie durch Nichthandeln zum Magnet für Hunderte von Millionen, „die nicht verfolgt werden, aber ihre sozioökonomische Lage verbessern wollen.“ Das Beispiel Griechenlands zeigt indes, dass sich Abschiebungen leichter fordern als vollziehen lassen.

Ganze Straßenzüge unterhalb des Athener Omonia-Platzes sind in südasiatischer Hand, und vor der pakistanischen Botschaft im Stadtteil Kolonaki finden seit Monaten täglich Demonstrationen aufgebrachter Pakistaner statt. Sie fordern eine schnellere Bearbeitung ihrer Anträge und bezichtigen die pakistanischen Diplomaten der Korruption. Die Demonstrationen werden jede Woche größer.

Türkei hat im Rücknahmeabkommen mit Griechenland eine geographische Beschränkung vereinbart

Sollte Griechenland also Pakistaner gleich wieder zurückschicken? Und wohin? Die Türkei hat sich in ihrem Rücknahmeabkommen mit Griechenland, das in der Praxis ohnehin nicht funktioniert, eine geographische Beschränkung ausbedungen. Sie nimmt nur Migranten aus Staaten zurück, mit denen sie eine Grenze teilt, also keine Pakistaner. „Außerdem ist das Recht auf Asyl individuell. Man kann nichts sagen: Wer aus Land X kommt, ist Wirtschaftsflüchtling. Man kann nur sagen: Land X ist für uns ein sicherer Staat, über Asylanträge von dort kann in Schnellverfahren entschieden werden“, sagt Dimitriadis.

Anfang der Woche gab es neue Krisenmeldungen von der griechischen Flüchtlingsfront. Auf dem Friedhof von Mytilini werden die Armengräber für ertrunkene Flüchtlinge knapp, berichteten griechische Zeitungen und zitierten den Bürgermeister der Inselhauptstadt: „Wir müssen nicht nur für die lebenden Migranten sorgen, sondern auch für die toten.“

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