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Griechen in der Flüchtlingskrise : Hilflose Ersthelfer

Da dessen Ende nicht absehbar ist und ein großer Teil der Menschen nicht aus Syrien kommt, sondern aus Staaten wie Pakistan (180 Millionen Einwohner) oder dem Iran (78 Millionen Einwohner), machen jedoch auch andere Szenarien die Runde.

Dimitriadis vermutet, das Albtraumszenario einer Politik der „maritimen Abschreckung“ sei nicht mehr allzu fern: „Darauf bewegen wir uns zu. Man will schließlich einen europäischen Küstenschutz aufbauen, der die Grenzen blockieren soll.“ Schon jetzt, ohne „maritime Abschreckung“, kommt es sogar bei scheinbar harmlosen Rettungsversuchen mitunter zu ungewollten Todesfällen.

Im Januar vergangenen Jahres kenterte ein Boot mit 28 Flüchtlingen, das von einem Schiff der griechischen Küstenwache aufgebracht worden war und an Land geschleppt werden sollte. Zwölf Menschen ertranken. „Es ist ein inhärenter Widerspruch liberaler, demokratischer Staaten, dass sie den Zuzug ungewollter Migranten beschränken und dabei Menschenrechte und bürgerliche Freiheit achten wollen“, hat Dimitriadi in einer Studie zur europäischen Flüchtlingspolitik geschrieben.

Aber wenn es tatsächlich zu einer Politik der „maritimen Abschreckung“ käme, würde das nicht in letzter Konsequenz bedeuten, Menschen zu töten? „Ja. Das würde mit sich bringen, dass Menschen ertrinken, dass sie zurückgedrängt werden. So könnte es kommen, weil unter Politikern die Auffassung stark verbreitet ist, Migration ließe sich mit militärischen oder militärähnlichen Methoden aufhalten.“

Wie soll Griechenland in der Finanzkrise Flüchtlingen helfen?

Dora Bakogiannis schüttelt sich, wenn sie mit solchen Szenarien konfrontiert wird: „Für mich wäre das ein Albtraum“. Die ehemalige Bürgermeistern Athens und spätere Außenministerin Griechenlands empfängt in ihrem Innenstadtbüro mit Akropolisblick. Sie repräsentiert den liberalen Flügel der Nea Dimokratia.

Mit der Politik der harten Hand, wie sie der frühere Parteichef Samaras praktizierte, hat Bakogiannis, eine der profiliertesten Außenpolitikerinnen Griechenlands, nie etwas anfangen können. Doch habe sie gerade auf einer Reise nach Kos und Lesbos gesehen, vor welchen Schwierigkeiten einige griechische Kommunen als Folge der Flüchtlingskrise stehen, warnt die Tochter des früheren Ministerpräsidenten Konstantinos Mitsotakis.

Besonders auf den kleinen Inseln sei die Lage schwierig. „Da leben 50 oder 150 Leute, und auf einmal kommen 500 Migranten an, die essen und trinken müssen, Toiletten brauchen oder vielleicht kranke Kinder haben. Wie soll ein Staat wie Griechenland, mitten in einer finanziellen Krise, damit umgehen?“ Auch in Erinnerung an ihre eigenen Erfahrungen als Bürgermeisterin Athens von 2002 bis 2006 rät sie dazu, finanzielle Hilfe der EU zur Bewältigung der Flüchtlingskrise in Koordination mit der griechischen Regierung möglichst direkt an die betroffenen Kommunen zu leiten.

„Die Bürgermeister an Ort und Stelle wissen am besten, was wo gebraucht wird, sie können viel schneller reagieren.“ Derzeit mangele es vielen Kommunalchefs an Vertrauen in die griechischen Institutionen. „Es gibt keine Sicherheit für einen Bürgermeister, dass er Geld, das er benötigt, auch wirklich bekommt. Und wenn er Mittel umwidmet für die Flüchtlinge und es nicht zurückerhält, ist er aufgeschmissen.“

Als empörend bezeichnet Bakogiannis Kritik, Griechenland unternehme nicht genug zur Sicherung seiner Grenzen. Mit Blick auf Politiker wie den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán sagt sie spöttisch: „Wir warten jetzt in Griechenland darauf, wie viele Schiffe die ungarische Flotte schickt, um hier Europas Grenzen zu schützen.“

Sie sei „wütend auf Europa“, das sich jahrelang nicht interessiert habe für die Flüchtlingskrise, als diese sich noch scheinbar weit weg in der Türkei oder dem Libanon abgespielt habe.

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