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Griechen in der Flüchtlingskrise : Hilflose Ersthelfer

Verhaftungen als Strategie wegen begrenzter Kapazitäten nicht anwendbar

Doch was wird geschehen, wenn auch in Griechenland mehr Menschen kommen, um zu bleiben? Bisher sei die Reaktion der griechischen Öffentlichkeit, von wenigen Zwischenfällen abgesehen, von beispielhafter Hilfsbereitschaft geprägt gewesen, doch das müsse nicht so bleiben, warnt Dimitriadi: „Derzeit ziehen fast alle Flüchtlinge weiter nach Norden.

Sollte die Zahl der Hierbleibenden stark wachsen, könnte das jedoch politische Auswirkungen haben.“ Die rechtsextreme „Goldene Morgenröte“ stellt die drittgrößte Fraktion im Athener Parlament, doch auch einige Politiker der gemäßigten Opposition um die konservative ehemalige Regierungspartei Nea Dimokratia und deren Vorsitzenden Evangelos Meimarakis kritisieren die Haltung von Ministerpräsident Alexis Tsipras und dessen „Bündnis der radikalen Linken“ in der Flüchtlingsfrage.

Die Regierung des früheren Ministerpräsidenten Antonis Samaras, der sich in gern als entschlossener law-and-order-Politiker gab, habe Migranten in Lager einsperren lassen und somit viele, die nicht wirklich in Not waren, von der Überfahrt nach Griechenland abgeschreckt. Erst als die „weiche“ Haltung der Regierung Tsipras sich herumsprach, habe der Massenansturm eingesetzt, lautet ein Argument der Konservativen.

Angeliki Dimitriadi hält das für wenig überzeugend: „Die Politik, Menschen in Lagern festzuhalten, könnte auf den derzeitigen Flüchtlingsstrom ohnehin nicht angewandt werden. Erstens sind Syrer eindeutig Flüchtlinge – ihre Verhaftung wäre eine Verletzung europäischer Gesetze. Abgesehen davon wären Verhaftungen als Strategie auch aufgrund der begrenzten Kapazitäten der Aufnahmelager nicht anwendbar. Selbst die Regierung Samaras hätte das wohl nicht versucht.“

Das System der „Hotspots“

In Griechenland stellt sich derzeit eine ganz andere Frage: Ist das Land darauf vorbereitet, Migranten nicht nur durchzuschleusen, sondern auch für längere Zeit aufzunehmen, gar einzubürgern? Bisher sehe sich Griechenland nur als eine Art Drehtür in die EU, und den meisten Griechen sei nicht klar, dass ihrem Land bei einem gerechten europäischen Quotensystem auch die dauerhafte Aufnahme von außereuropäischen Migranten bevorstünde, vermutet Dimitriadi.

„Man ist sich in Griechenland nicht bewusst, dass auch wir Menschen aufnehmen und dazu die nötigen Verfahren in Form eines belastbaren Asylsystems schaffen müssen.“ Griechische Sicherheitsfachleute sehen kurzfristig jedoch eine andere Schwierigkeit auf das Land zukommen: Flüchtlinge sollen in Erstaufnahmezentren, sogenannten Hotspots, registriert und dann in andere Lager gebracht werden, um auf ihre Umsiedlung in einen anderen EU-Staat zu warten.

Die griechische Polizei hat sich schon bei der Regierung erkundigt, wie man sich das in Athen vorstelle: Werden die Flüchtlinge diese Lager verlassen dürfen, oder soll die Polizei sie dort bis zur Entscheidung über ihre Umsiedlung festhalten? Sollte die Entscheidung zu lange dauern, werde nämlich niemand freiwillig in solchen Lagern bleiben.

Dimitriadi teilt die Einschätzung der Polizei. „Die Leute werden kein Asyl in Griechenland beantragen, wenn sie keine Garantie bekommen, danach umgesiedelt zu werden. Eine Garantie aber kann Griechenland ihnen nicht geben, weil das von anderen Ländern abhängt.“ Sollte die Umsiedlung nicht zügig funktionieren, drohe das gesamte System der „Hotspots“ funktionsunfähig zu werden.

Dennoch sucht Europa angesichts der auf den Kontinent strömenden Menschenmassen weiter nach einer Antwort auf die Frage: Wie lange noch, wie viele noch? Dimitriadi nennt das „eine sehr legitime Frage“, auf die es letztlich aber nur die übliche, immer wieder gehörte Antwort gebe: Um den Flüchtlingsstrom aus Syrien zu beenden oder gar umzukehren, müsse der Krieg im Nahen Osten beendet werden.

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