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Aufnahme von Flüchtlingen : Mit einer fünfstelligen Nummer beginnt das neue Leben

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„Räumliche Beschränkung des Aufenthaltsbereichs“

Vor der Gemeinschaftsunterkunft warten sieben Albaner auf den Kleinbus, der sie in ihre neue Wohnung bringen soll. Die Männer sind gepflegt, ruhig, diszipliniert und höflich. Einer von ihnen reist mit einem Kleidersack für seine Anzüge. Der Bus fährt die Gruppe eine halbe Stunde nach Weida, wo sie eine Erdgeschosswohnung mit 60 Quadratmeter bezieht. Die Männer bedanken sich für den Transport, nehmen die frisch sanierte Wohnung ebenso still wie aufmerksam in Augenschein, teilen ohne Worte die Betten und Schränke unter sich auf. Ihre erste Frage gilt dem Fernsehgerät. Wo das sei? Es komme später, verspricht Wartenberg, für den Kabelanschluss müssten sie aber selbst sorgen. Nach einer halben Stunde ist alles erledigt.

Nur im Flur gibt es ein Problem. Die Nachbarin, eine junge Frau mit zwei Kindern, zittert vor Angst. Das seien ja alles Männer. Es sollte doch eine Familie kommen. Sie fürchte um ihre Kinder. Der Ausländerbeauftragte Jahn-Illig versichert, dass die neuen Nachbarn sehr freundlich seien, und auch der Ehemann versucht, seine Frau zu beruhigen. Als Jahn-Illig erklärt, dass unter den neuen Nachbarn zwei Brüder sowie ein Vater und sein Sohn seien, kommt die Frau ein wenig zur Ruhe. Also doch eine Familie.

Drei Monate nachdem ein Flüchtling den Antrag auf Asyl gestellt hat, „entfällt die räumliche Beschränkung des Aufenthaltsbereichs“. Der Asylbewerber darf den Kreis verlassen, sich frei in Deutschland bewegen, sich Arbeit suchen und deren Ausübung bei der Ausländerbehörde beantragen. Die Ausländerbehörde holt die Zustimmung der Arbeitsagentur ein, die wiederum prüfe, ob der Mindestlohn gezahlt werde, der Arbeitgeber vertrauenswürdig sei und es „bevorrechtigte Arbeitnehmer“ für jene Stelle gebe, die der Asylbewerber für sich aufgetan hat.

Einladung zum „Heimreisegespräch“

Ist der Asylbewerber schon fünfzehn Monate in Deutschland, gibt es laut Rechtslage keine bevorrechtigten Konkurrenten mehr, und nach vier Jahren darf der Asylbewerber jede Beschäftigung ohne Genehmigungsvorbehalt antreten. Der Lohn, das versteht sich von selbst, „wird mit der Sozialleistung verrechnet, aber der Großteil der Bewerber beantragt keine Beschäftigung“.

Während dieser Zeit warten die Asylbewerber auf den Bescheid vom Bundesamt, ob sie abgelehnt oder angenommen sind. Was bei Syrern und Irakern schnell geht, dauert bei Afghanen, Somaliern und Eritreern sehr lange. Irgendwann bekommt Hessel eine Mitteilung vom Bundesamt. Ist der Bewerber abgelehnt, nennt das Bundesamt ein Datum, ab wann der Antragsteller „vollziehbar ausreisepflichtig“ ist.

Dann lädt ihn Hessel zu einem „Heimreisegespräch“ ein und erklärt dem abgelehnten Asylbewerber, dass er – meist binnen eines Monats – freiwillig gehen könne. Die freiwillige Ausreise ist für die abgelehnten Bewerber von Vorteil, denn sie erspart ihnen die Einreisesperre, mit der abgeschobene Bewerber belegt werden. Aber „nur ein minigeringer Teil reist freiwillig aus“, sagt Hessel.

Kommt es schließlich doch zur Abschiebung, ist diese in Thüringen anzukündigen, „und das hat zur Folge, dass der Asylbewerber nachts, wenn die Kollegin mit der Polizei kommt, nicht mehr da ist“. Hessel spricht ungern darüber. Sie fürchtet offenbar, dass ihr ihre Pflichttreue als Hartherzigkeit ausgelegt wird. In den sozialen Medien ist alles möglich. Doch sie fährt fort: „Wenn es dann Leistung gibt, also Bargeld, dann ist der Asylbewerber plötzlich wieder da.“

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