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Flüchtlinge in Bayern : Niemand bleibt in München auf der Strecke

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Mehr als sie Ruhezone vor dem Bahnhof bekommen viele Flüchtlinge von München nicht zu sehen. Bild: dpa

Während in München weiter Tausende Flüchtlinge ankommen, versucht die Koalition das Problem mit Milliardenhilfen zu lösen. Manche Helfer arbeiten derweil an ihrer Belastungsgrenze.

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          In der Nacht hat die Koalitionsrunde beschlossen, die Flüchtlingskrise in den Städten und Gemeinden mit Milliarden Euro zu beheben, und die KfW schiebt noch zinslose Kredite für den Bau von Unterkünften hinterher. In Ungarn hatten viele Flüchtlinge, die dort in den Netzen der Asylbewerberregistrierung und in Lagern hängen geblieben sind, schon in der Nacht davor beschlossen, ihre private Flüchtlingskrise im repressiven Orbánstaat zu beenden und Deutschland für alternativlos zu erklären.

          So etwa die achtköpfige Familie, die mich in der Nacht im Münchner Norden aufhält und wissen will, wo sie hier ein Taxi bekommt. Sie sind vom Nahverkehr in München überfordert, der sie am Sonntagabend zwischen Einkaufsmärkten lange warten lässt, und es wird finster. Und kalt. Ich biete an, die perfekt englisch sprechende Tochter zur nächsten Taxistation zu bringen, aber sie lehnen ab: So ganz geheuer ist ihnen dieses München dann doch nicht. Das System der Polizei am Hauptbahnhof muss inzwischen Lücken haben, denn an der nächsten Bushaltestelle ist noch eine Familie mit Gepäck und kleinen Kindern. Das System, das am Samstag so reibungslos funktioniert hatte, ist nicht zusammengebrochen. Aber es hält mit der Entwicklung nicht Schritt.

          Samstag war der Tag der Dreckigen und Verschwitzten, der Tag der Helden vom Exodus vom Budapester Bahnhof. Samstag war der Tag, an dem die Dramatik dieser Flucht greifbar war, der Tag, an dem die kamen, die ihren ganzen Besitz am Körper trugen. Reisende mit kleinem Gepäck, eingestellt auf die Enge der Schleusertransporter, denen ein paar Sätze der Bundeskanzlerin die Tür nach Deutschland geöffnet hat. Es war der Tag der Euphorischen, vor denen sich ein scheinbar unüberwindliches Hindernis aus Polizeiketten und verschärften ungarischen Gesetzen aufbaute, und denen plötzlich der rote Teppich ausgerollt wurde.

          Diese Flüchtlinge kommen noch immer mit ihren kleinen Rucksäcken und Tüten. Es kommen aber auch Zufriedene mit ordentlich gepackten Taschen, und sie sind sauber und gepflegt. Die Tochter, die mich im Münchner Norden ansprach, hielt ich im ersten Moment für eine arabische Touristin, die sich verirrt hatte – aber sie kam aus Ungarn. In diesem Moment, der schlagartig historisch wurde und Deutschland einen Platz in den Geschichtsbüchern sichert, und sehr viele Probleme mit sich bringt, die schnell gelöst werden müssen, haben sie Glück gehabt. Denn schon am Starnberger Flügelbahnhof, dem Tor in das Europa, das die Flüchtlinge wirklich wollen, kommen Polizei, Rettungsdienste und freiwillige Helfer an ihre eigenen Grenzen.

          Bis Sonntagmittag, dachte man, hätte man die meisten Betroffenen aus Ungarn herausgeholt. Das mag stimmen, aber ab Sonntagmittag kommen auch die Betroffenen der dauerhaft katastrophalen Politik des Herrn Orbán. Diese Politik mag legal sein und den Ansprüchen von Schengen entsprechen, aber nicht den Ansprüchen derer, die sie erleiden. Ein älteres Ehepaar saß dort wochenlang fest und erzählt von einer alles andere als guten Stimmung.

          Flüchtlinge aus Ungarn freuen sich über ihre Ankunft in München. Bilderstrecke

          Deshalb kommen sie. Deshalb reißen die Ströme nicht ab, deshalb wird am Zugang weiter geklatscht, und das Münchner Publikum betrachtet die Kolonnen der Flüchtlinge zu ihren Zügen fast schon als Sehenswürdigkeiten. Das sind nicht nur Unterstützer, da sind längst auch Gaffer, die von der Polizei von den Bahnsteigen der Sonderzüge verscheucht werden müssen. Noch eine Belastung für die Beamten, denen man die Erschöpfung inzwischen deutlich ansieht. Von einem Zusammenbruch ist die Lage dennoch weit entfernt: Als sich zwei Schaulustige Zigaretten auf dem Bahnsteig anzünden, werden sie vom Einsatzleiter aufgefordert, draußen zu rauchen. So ist Bayern auch in der Krise.

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