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Streit um Studie : Wie gefährdet sind Christen in Flüchtlingsheimen?

Ein syrischer Flüchtling hält in Ellwangen (Baden-Württemberg) ein handgefertigtes Kreuz in der Hand. Bild: dpa

Die evangelikale Organisation Open Doors hat behauptet, dass es in Asylunterkünften vermehrt Angriffe auf Christen gegeben haben soll. Eine methodisch saubere Aufarbeitung steht jedoch weiter aus. Auch die EKD tut sich schwer.

          Die evangelikale Organisation Open Doors hat vor drei Wochen eine Erhebung vorgestellt, die 231 Fälle von Gewalt gegen Christen in deutschen Flüchtlingsheimen dokumentiert. Markus Rode, der Leiter von Open Doors, zog auf Grundlage dieser Erhebung den Schluss, in deutschen Flüchtlingsunterkünften ereigne sich eine „systematische Verfolgung“. Den großen Kirchen warf Rode vor, diesen Sachverhalt zu vertuschen, da sie selbst zu den großen Heimbetreibern zählten. Die Zahlen von Open Doors wurden seither vielfach aufgegriffen. AfD-Bundesvorstandsmitglied Alice Weidel warnte zuletzt etwa: „Laut einer Studie von ‚Open Doors‘ erleben 88 Prozent der christlichen Flüchtlinge religiös motivierte Verfolgung durch Mitflüchtlinge.“

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Erhebung von Open Doors ist allerdings nur von begrenzter Aussagekraft. Wie Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ergaben, gingen knapp zwei Drittel der 231 Fragebögen auf einen einzigen Pfarrer aus Berlin zurück. Zudem ging Open Doors in der Regel ohne genauere Prüfung von der Richtigkeit der Angaben der Betroffenen aus. Man verzichtete darauf, jeweils auch die andere Konfliktpartei anzuhören; Heimbetreiber wurden ebenfalls nicht befragt. Zudem wurde der Begriff Verfolgung sehr breit verwendet, etwa wenn Personen angaben, „in Versorgungsfragen benachteiligt“ oder „durch laute religiöse Musik“ belästigt worden zu sein.

          Fragwürdiger Umgang von Open Doors mit Sachverhalten

          Im Laufe der Recherchen wurde unter anderem ein von Open Doors als besonders eklatantes Beispiel von Gewalt benannter Fall untersucht. In diesem Fall stellte der Heimbetreiber, der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), den Hergang jedoch völlig konträr dar. Auch der Pfarrer, der den Fall an Open Doors vermittelte, äußerte Zweifel an der Schilderung des Betroffenen, nachdem er den Angaben des Heimbetreibers auf Anfrage noch einmal nachgegangen war.

          Open Doors reagierte auf die Berichterstattung, indem es die Glaubwürdigkeit der Recherchen in Zweifel zog. So legte Open-Doors-Leiter Rode etwa dar, er habe niemals behauptet, 500 Übergriffe auf Christen in kirchlich betriebenen Heimen benennen zu können, da „die Erhebung dann nicht 231, sondern weit über 500 dokumentierte Übergriffe hätte enthalten müssen“. Tatsächlich hatte Rode jedoch noch weiter gehende Aussagen getroffen. In einem Gespräch während der Recherchen, das mit Rodes Zustimmung zum Teil aufgezeichnet wurde, sagte er auf die Frage, ob er auch einen Fall aus einer kirchlichen Flüchtlingsunterkunft benennen könne: „Sie können auch tausend haben.“ Trotz mehrerer Nachfragen konnte Open Doors anschließend nicht einen solchen Fall benennen.

          Der fragwürdige Umgang von Open Doors mit Sachverhalten reicht bis in kleinste Details: So heißt es in der Erwiderung der Organisation zu dem Fall aus dem Heim des ASB, dort sei die neue Heimleiterin „eine sunnitische Muslima aus dem Sudan“. Was auch immer Open Doors damit bezüglich der Glaubwürdigkeit der Aussagen der Heimleitung suggerieren wollte – der ASB widerspricht auch dieser Behauptung. Der Heimleiter heiße mit Vornamen Torsten. Über die Belastbarkeit der Angaben von Open Doors wird besonders intensiv in den Reihen der Kirchen gerungen. Auf der einen Seite steht die Deutsche Evangelische Allianz, der Dachverband der evangelikalen Christen, der die Erhebung in Schutz genommen hat. Die Allianz vertritt mehrere hunderttausend Christen. Etwa die Hälfte von ihnen gehört den EKD-Landeskirchen an – also jenen Institutionen, denen Open Doors die Vertuschung der Gewalt in den Unterkünften vorwirft.

          Schon seit langem Streit über Islam in den Kirchen

          Beim Thema Islam liegen Allianz und EKD schon seit Jahren über Kreuz. Allerdings entbrannte zuletzt auch innerhalb der Allianz eine scharfe Auseinandersetzung über die Islam-Frage, nachdem der Allianz-Vorsitzende Michael Diener den Einsatz des EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm für den Bau eines Islamzentrums gegen Kritik aus den eigenen Reihen in Schutz genommen hatte. Die Angelegenheit wurde Teil eines Richtungsstreits innerhalb der Allianz. Im März teilte Diener mit, dass er den Allianz-Vorsitz niederlegen werde. Mit seinem Anliegen, die Evangelikalen, vor allem beim Umgang mit Homosexuellen, auf einen Kurs der Öffnung zu führen, war Diener auf erheblichen Widerstand gestoßen.

          Den Machtkampf haben jene im evangelikalen Spektrum bis auf Weiteres jene Kräfte für sich entschieden, die beim Thema Islam Schnittmengen mit rechtsgerichteten politischen Akteuren erkennen. Diesen Kräften kam auch die von Open Doors vorgelegte Erhebung zupass. Allianz-Generalsekretär Hartmut Steeb hatte ihr in einer Pressemitteilung sogar das Gütesiegel der „ersten umfassenden Studie zum Thema“ verliehen. Die These, es handele sich um „bedauerliche Einzelfälle“, sei damit „überholt“. Angesichts der Infragestellung der Belastbarkeit der Open-Doors-Erhebung formuliert die Allianz inzwischen allerdings deutlich vorsichtiger. Auf Anfrage dieser Zeitung heißt es, die Erhebung sei „nicht ‚umfassend‘ im Sinne von vollständig, sondern weist Lücken auf, sowohl was die geographische Verteilung angeht als auch im Sinne ihrer Überprüfbarkeit“.

          An der EKD-Spitze hingegen war die Open-Doors-Erhebung von Beginn an äußerst kritisch gesehen worden. Der EKD-Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof Bedford-Strohm äußerte kurz nach ihrer Veröffentlichung, er könne „den in den letzten Tagen massiv vorgetragenen Vorwurf, dass so etwas flächendeckend vorkommt, für Bayern schlicht und einfach nicht bestätigen. Die gleiche Auskunft geben die staatlichen Behörden.“

          Keine gesicherten Informationen über das Ausmaß des Problems

          Wie sehr die Debatte bei den Kirchenleitungen als Teil eines Richtungsstreits wahrgenommen wird, belegt eine interne Stellungnahme der westfälischen Landeskirche. Dort heißt es, die Open-Doors-Erhebung weise „Züge der Pegida-Argumentationsweise“ auf. Open Doors sei es vor allem an einer „ausführlichen Darstellung der angeblichen Untaten von Muslimen gelegen“. Der Autor kommt zu dem Schluss: „Als Kirche haben wir nun das gleiche Problem wie die staatlichen Organisationen: Die Islamfeinde in der Kirche versuchen, uns vor sich her zu treiben.“ Er schlägt deshalb vor: „Wir halten nach dieser Erhebung erst recht an der Auffassung fest, dass es sich um Einzelfälle handelt.“

          Was in der gesamten Debatte weiterhin aussteht, ist eine Aufklärung darüber, wie es Christen und den Angehörigen religiöser Minderheiten in den Unterkünften tatsächlich ergeht. Denn Hinweise, dass in den Flüchtlingsheimen auch religiös motivierte Konflikte ausgetragen werden, kommen beileibe nicht nur von Evangelikalen. Das Problem dürfte empirisch jedoch alles andere als einfach zu fassen sein.

          Bundesinnenminister de Maizière teilte vergangene Woche mit, konkrete Daten lägen nicht vor, er könne das Ausmaß des Problems „letztlich nicht beurteilen“. Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm kündigte zwar an, man bereite „zurzeit durch intensive Recherchen die Datenlage“ auf. Ein EKD-Sprecher konnte auf Nachfrage weder etwas zur Methodik dieser Recherchen sagen noch einen Zeitpunkt benennen, zu dem die Datenlage veröffentlicht werden soll. Der Sprecher gab an, im Sommer werde sich die EKD mit „einem umfangreichen Umfragen-Design“ beschäftigen, mit dem man die „Erkenntnisse der Heimbetreiber“ abfragen wolle.

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