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Camerons Flüchtlingspolitik : Die Entdeckung der Moral

Camerons Kehrtwende: „Moralische Verantwortung, Flüchtlingen zu helfen“ Bild: Reuters

Der britische Premierminister David Cameron vollzieht eine Kehrtwende in der Flüchtlingsfrage. Grund dafür ist auch das Bild des toten Flüchtlingkindes Aylan Kurdi.

          5 Min.

          Was ein einziges Bild alles verändern kann! Noch am späten Mittwoch hatte Premierminister David Cameron die alte Linie mit markigen Worten bekräftigt: „Ich glaube nicht, dass es eine Antwort sein kann, einfach nur mehr und mehr Flüchtlinge aufzunehmen.“ Am frühen Freitag dann die Kehrtwende: Großbritannien sei bereit, Tausende Flüchtlinge mehr aufzunehmen, hieß es aus Downing Street. Wenig später sprach Cameron, der nach Lissabon und Madrid gereist war, um für seine EU-Reformpläne zu werben, von einer „moralischen Verantwortung, Flüchtlingen zu helfen – so wie wir es unsere gesamte Geschichte hindurch gehalten haben“.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Keine vierzig Stunden lagen zwischen den beiden Aussagen, aber in diesen war eine Menge geschehen. Der Druck aus anderen europäischen Hauptstädten war gestiegen, ebenso der aus der Opposition. Führende Labour-Politiker forderten Cameron auf, mehr Flüchtlinge aufzunehmen – von 25.000 in den kommenden sechs Jahren sprach der frühere Innenminister David Blunkett. Die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon schrieb einen mahnenden Brief an Cameron.

          Breiter Stimmungsumschwung

          Der Erzbischof von Canterbury übte, wenn auch vorsichtige, Kritik am Kurs der Regierung. Die Schauspielerin Emma Thompson nannte Großbritannien „rassistisch“. Parallel dazu schwoll die Zahl der Unterschriften unter einer Petition an, die die Asylpolitik des Königreichs als „nicht angemessen“ bezeichnete und eine Unterhausdebatte zum Thema forderte. Am Abend hatten sie schon mehr als 200.000 Briten unterzeichnet – ab 100000 müssen diese Petitionen, die auf der Website des Parlaments laufen, von einem fraktionsübergreifenden Ausschuss beraten und behandelt werden.

          Der eigentliche „game changer“ aber war das Foto des toten kurdischen Jungen, der an einem türkischen Strand angespült worden war. Binnen weniger Stunden drehte das Bild die Stimmung in den britischen Medien, vor allem in der konservativen Boulevardpresse. Blätter wie die „Sun“ oder die „Daily Mail“, die monatelang vor den Gefahren der „Menschenfluten“ gewarnt und Camerons Politik der geschlossenen Grenzen unterstützt hatten, überboten sich plötzlich mit Empathie, Schamgefühl und emotionalen Aufrufen, mehr für die Flüchtlinge zu tun. Nun begann es auch bei den Tories zu grummeln.

          Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, Entwicklungshilfeministerin Justine Greening und Bildungsministerin Nicky Morgan forderten mehr Initiative von Downing Street. Von diesem Stimmungswandel wollte sich Cameron nicht überrollen lassen und setzte sich am Abend an die Spitze der neuen Betroffenheit: „Als Vater bin ich tief bewegt von dem Bild des kleinen Jungen am Strand in der Türkei“, sagte er. Um ja keine Zweifel am Mitfühlungsvermögen des Regierungschefs aufkommen zu lassen, versicherten die Büchsenspanner in Downing Street noch mehreren Journalisten, dass der Regierungschef das Bild am Vortag garantiert noch nicht gesehen habe.

          Im Flüchtlingsfieber

          Am Freitag befand sich dann ganz Großbritannien im Flüchtlingsfieber. Die Zeitungen widmeten sich individuellen Schicksalen, die britischen News Channels berichteten live von den überfüllten Bahnhöfen Ungarns und anderen Knotenpunkten.

          Freiwillige britische Helfer durften im Fernsehen, zum Teil unter Tränen, über ihre Gefühle berichten. Prominente wie der Musiker Bob Geldof kündigten an, Flüchtlinge bei sich aufnehmen zu wollen. Einer der wenigen Flüchtlinge, die sich bis ins Königreich durchgeschlagen hatten, erzählte in der BBC, wie „nett“ die Briten zu ihm seien. Als er erwähnte, dass sein Leben nicht unmittelbar in Gefahr gewesen sei, er aber „bessere Chancen“ gesucht habe, huschte ein nervöses Lächeln über das Gesicht der Moderatorin.

          „Handeln mit Herz und Kopf“

          Wer geglaubt hat, dass sich Großbritannien nun kraftvoll in die Reihe jener europäischen Staaten einreiht, die die Last gemeinsam schultern wollen, könnte gleichwohl enttäuscht werden. „Britannien wird mit seinem Kopf und mit seinem Herz handeln“, sagte Cameron am Freitag – und wählte die Reihenfolge vermutlich mit Bedacht. Die neue Großzügigkeit bezieht sich ausschließlich auf syrische Flüchtlinge.

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